I. – Wiederkehr

„Du warst lange fort“, meint die Königin sanft, den Blick in die Ferne gerichtet. Sie gibt mir niemals das Gefühl, ihr zu etwas verpflichtet zu sein, niemals auch nur einen Hauch zuviel der Nähe. Und dennoch glaube ich einen leicht vorwurfsvollen Unterton in ihren Worten zu vernehmen. Silbrig spielt ihr langes Haar um die schmalen, dunkel verhüllten Schultern, ein stetiger, sachter Windstoß lässt sie nicht zur Ruhe kommen. „Trotzdem habe ich nie daran gezweifelt, dass du zurück kommst.“

Ich versuche angestrengt auszumachen, was sie wohl dort am Horizont sieht, was ihre Aufmerksamkeit wohl so sehr zu fesseln vermag, dass das Gefühl der trauten Zweisamkeit zwischen uns dieses Mal vollkommen ausbleibt. Ein wenig schmerzt es mich zwar, doch zieht dieser Schmerz schnell vorüber, wie ein flüchtiger Besucher; wie so viele vor ihm, seit ich wieder ganz bin. „Ich weiß nicht einmal genau, warum …“, antworte ich und wende mich ab, grabe wie früher die nackten Zehen in den nachtkühlen Sand und beobachte mich dabei. „Es fällt mir nicht leicht loszulassen, da ist so vieles, was mir lieb ist. Ich trauere um das Vergangene, obwohl ich ganz genau weiß, dass nur das Jetzt wirklich zählt … Dass es echt ist und früher vieles nur Lüge war. Ich habe es nicht besser gewusst.“ Plötzlich steckt mir ein dicker Kloß im Hals und schnürt mir die Luft ab, treibt mir die Tränen in die Augen und ich schäme mich für meine Schwäche. Es gäbe noch so viel zu sagen, ihr muss ich es doch erklären, wenigstens ihr! Doch ich bringe kein Wort hervor, wehre mich wütend gegen das Selbstmitleid.

Eine Hand legt sich auf meinen Arm, kalt ist sie, wie das Meer im Winter, und dennoch ist da endlich etwas Vertrautes in der Berührung. Sie schweigt und ich weiß, dass dieses Schweigen absolutes Verständnis bedeutet – ich kenne sie, doch sie kennt mich besser. Ich schlucke die Tränen herunter und lege die eigene Hand auf jene schmale, kalte, welche so zerbrechlich ist, dass ich sie kaum zu berühren wage. „Ich bin zuhause angekommen und kann es kaum ertragen. Was ich jetzt lebe, das habe ich immer nur geträumt, geschrieben, es waren Geschichten!“ Ich halte kurz inne, um mich zur Ruhe zu zwingen, ehe meine Stimme verräterisch zittert. Sie wird mich trotzdem durchschauen. Ich kann nicht anders, obwohl ich genau weiß, dass es vergebens ist. „Ich habe niemals wirklich daran geglaubt.“

Sie umarmt mich einfach, wortlos, so, als hätten wir alle Zeit der Welt, schweigt lange, haucht nur kalten Atem in mein wirres Haar. „Lass es einfach zu, lass es geschehen. Glaube daran, denn es ist Realität. Hör auf zu zweifeln, nur, weil du denkst, dass du dein Glück nicht verdienst. Lass los. Dir kann nichts passieren, du bist wohlbehütet und geliebt.“

Ich weiß nichts darauf zu sagen, bin tief getroffen und fühle mich gläsern wie immer unter ihrem Blick. Wir stehen lange schweigend im Mondlicht, innig umarmt wie ein Liebespaar und vermögen uns doch nicht mehr gegenseitig zu wärmen.

 

//20.05.2010, re-mastered 2015

Basmahs Traum I

Ich träumte …

Ich träumte, wie ich allein in weiter Ferne stand; sah auf mich herab, wie ich witternd den Kopf hob, die Ohren gegen den Wind drehte, lauschend, aufmerksam. Da war nichts, kein Hauch von Leben außer mir in jener unendlichen Weite; bis zum Horizont hin nur Sand und Hitze, Hitze und Sand. Wie eine heiße, sengende Lohe leckte eine um die andere Bö wild an mir, riss an meinem Fell, durchwühlte und verwirbelte es, peitschte mir die Wüste wie beißende Gischt ins Gesicht. Doch ich stand aufrecht, aufrecht und allein, trotzte dem wütenden, lebensfeindlichen Ansturm, die Pfoten tief im heißen Untergrund vergraben. Immer tiefer sank ich ein, doch mein Herz, meine Sinne waren wach und auf einen Punkt weit außerhalb der Szenerie fokussiert, wartend, regungslos, voller ungebrochener Zuversicht. Und dann schälte sich sein Umriss aus der flirrenden Hitze; langsam, unbeirrt in seiner ganzen kraftvollen und stolzen Eleganz kam er auf mich zu. Ich blickte ihm entgegen, senkte den Kopf erst, als er mich erreichte, seine Schnauze sich liebkosend in das Fell an meiner Schulter vergrub. Und schloss demütig die Augen.

Basmah: Seelensplitter

Er hatte gelächelt. Er… hatte mich angelächelt, noch im selben Moment, wo seine Augen brachen; wo mein purer, reiner, ungezügelter Hass seinen Körper mit Kugeln durchsetzte, das wertlose, niederträchtige Leben aus ihm herausfetzte, ihn zerstörte, ihn für alle Zeiten von dieser Erde tilgte, damit er nie, niemals wieder jemandem etwas antun, keine Frau mehr anfassen konnte. Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als dieses Lächeln, dieses triumphale Lächeln, mit dem Jay seinen letzten Atemzug tat, und das sich noch tiefer in mich einbrannte als seine Schläge, seine brutale Inbesitznahme; noch tiefer als das Brennen seines heißen Samens in meinem wunden Inneren. Es brannte sich tief in meine Seele. Ich hatte mir geschworen, nie wieder zum Opfer zu werden, mich niemals wieder so missbrauchen und erniedrigen zu lassen, und doch … doch hatte ich es zugelassen. Noch im Tod war seinem Gesicht deutlich anzusehen, dass er genau das bekommen hatte, was er gewollt hatte.

Ich würgte, als bittere Galle meine Kehle hoch stieg, würgte sie wieder hinunter, bebte und zitterte, mein Blick starr und schockgeweitet; konnte ihn nicht von dem lächelnden Gesicht des Mannes abwenden, der sich an mir vergangen hatte. Ich fuhr heftig zusammen, als sich warme Hände um meine legten, mir die Waffe abnahmen; eine dunkle, wohlbekannte Stimme sanft auf mich einredete. Mein Zittern verstärkte sich noch bei der behutsamen Berührung meines Gesichts; ich konnte nicht … konnte nicht denken, konnte mich nicht losreißen, konnte nichts anderes tun, als zu starren; dieses Lächeln, immer wieder dieses Lächeln, für die Ewigkeit konserviert. Instinktiv versteifte sich mein Körper, als ich schließlich hochgehoben wurde; diese Nähe, sie erinnerte mich, sie … bei Allah, ich konnte … konnte diese Nähe nicht ertragen, ich wollte … wollte … Den Blick immer noch auf Jays Züge fixiert, grub ich meine Finger in Clays Schulter, presste meine Handflächen gegen ihn, in dem halbherzigen Versuch, mich aus dieser viel zu körperlichen Nähe zu befreien, doch er drückte mich nur fester an sich, hielt mich, hielt mich zusammen, damit ich nicht in tausend Stücke zerbrach. Und dann … endlich, verschwand der Anblick des lächelnden Toten aus meinem Sichtfeld, und meine innere Wölfin erinnerte mich. Erinnerte mich an die Wärme, die mich umgab, den kraftvollen, schützenden Alpha, der mich auffing, das Einzige auf dieser Welt, das mir so nah war, so nah, dass es mich instinktiv immer wieder berührte; meiner verwundeten Seele ein Zuhause gab. Und ich weinte, als die Tränen endlich kamen, weinte bebend und zitternd und schluchzend, die Finger in Clays Hemd und mein Gesicht an seinem Hals vergaben.

Basmah: „… Mistkerl!“

Er … er konnte bei mir gar nichts erreichen, mit diesem Blick, gar nichts! Ich dachte ja überhaupt nicht daran, auch nur einen Augenblick lang nicht wütend auf ihn sein zu können, oder … oder eher zu wollen; ich dachte nicht, nein, nicht EINEN Herzschlag lang an die exotische graublaue Tiefe seiner Augen oder … – bei Allah! – … oder sogar die Weichheit seiner Lippen, um die herum sich diese viel zu verlockenden Lügen aus kleinen Grübchen bildeten, als er lächelte. Ich dachte an gar nichts davon, pah! Als könnte dieser ungehobelte Kerl mich mit solchen plumpen kleinen Tricks aus dem Konzept bringen! Einhaltung meiner Pflichten … Meine Sicherheit? Ich schnaubte. Mich hatte noch nie jemand vor irgendetwas beschützt, also konnte er getrost ganz schnell wieder seine dreckigen großen Pfoten von mir nehmen; als ob ich seinen Schutz nötig hätte, jetzt, wo mir praktisch schon alles zugestoßen war, was mir überhaupt passieren konnte – inklusive dieses … dieses … Und übrigens, dieses vibrierende, total un… unmenschliche, jawohl, dieses Knurren, das sich für einen Mann, der etwas auf sich hielt, überhaupt nicht gehörte und das meine innere Wölfin von Unruhe gepackt im Kreis tänzeln ließ, ausgerechnet jetzt – das konnte er sich auch sonstwo hinstecken!

Plötzlich ging ein Ruck durch ihn und ehe ich mich versah, hing ich wehrloser als noch zuvor über seiner Schulter, drückte ebendiese mir in den Bauch, dass mir vor Schreck Momente lang die Luft wegblieb und ich erstarrte, verstummte aber vor allen Dingen völlig. Das leise „Pling“ des Aufzugs, das von unserer Ankunft an der Erdoberfläche kündete, klang für mich fast ein bisschen schadenfroh, und dann vernahm ich eine zweite männliche Stimme, die von irgendwo genau dort herkam, wo sich jetzt mein Hinterteil befand! Ich spürte, wie sich das Blut heiß in meinen Wangen sammelte und sie zum Glühen, nein, geradezu zum Brennen brachte, und das nicht nur, weil ich kopfüber hing und bei jedem Schritt praktisch gezwungen – ja, gezwungen! – war, aus entsetzt geweiteten Augen direkt auf Chandlers unerhört gut geformte Rückansicht zu starren. Nein, es war die pure Scham, die mir die Röte ins Gesicht trieb, dicht gefolgt von einer unbändigen Wut, die mich nur noch mehr beschämte. Wie konnte er nur! Wie konnte er mich nur auf eine so unzüchtige Weise vor aller Welt bloß stellen; mich in eine solch hilflose und unvorteilhafte Situation bringen? Ich versuchte, um keinen Preis daran zu denken, wie viele für mich unsichtbare Augenpaare gerade schon wieder auf mich gerichtet sein mochten, und noch viel weniger hatte ich vor, mich diesmal einfach so zu ergeben! Ich krallte meine Finger in seinen Rücken, und es war mir dabei egal, ob ich ihm wehtat. Obwohl … Moment. Nein, ich … ich wollte ihm wehtun, oh ja, ich würde ihn zerkratzen bis er blutete, und wenn das nicht reichte, dann würde ich außerdem beißen, würde ihm so lange wehtun und dabei mit den Füßen vor seinem Gesicht herum zappeln, bis er mich endlich runter ließ! Ich hasste ihn! Ja, ich … ich HASSTE IHN, diesen verdammten … „… قذر !!!“, entfuhr es mir, wobei meine Stimme zwar nur einem schneidenden Zischen glich, doch in Wahrheit nichts anderes als ein hörbares, wildes Zähnefletschen war.

Erschrocken biss ich mir auf die Unterlippe, als mir bewusst wurde, was mir da eben über die Lippen gekommen war, und fühlte, wie sich die Schamesröte auf meinen ohnehin schon signalrot leuchtenden Wangen noch weiter vertiefte. Vergessen waren die Schrecken, die dort unten im Bunker auf mich lauerten, vergessen die Angst, die Beklemmung, die erdrückende Panik, die mir die Luft zum Atmen abgeschnürt hatte. Jetzt gerade war Chandler der Inbegriff meiner persönlichen Schmach. Als ich endlich erkannte, dass es nur einen Weg gab, wieder aus dieser unendlich beschämenden Situation herauszukommen, weil ich sowieso nicht gegen seine Körperkraft ankam, hörte ich auf, mich gegen ihn zur Wehr zu setzen und atmete erschöpft durch. Tränen brannten mir in den Augen und inzwischen brannten auch meine Lippen, weil ich sie mir nahezu wund gebissen hatte, nur, um den ganzen Rest an Beschimpfungen gegen ihn nicht auch noch aus Versehen loszuwerden. Ich würde diesen Scheißkerl nie wieder, niemals wieder … – und zwar NIE! – auch nur eines Blickes würdigen, dessen konnte er sich sicher sein, oder ein einziges Wort mit ihm sprechen. Von mir aus konnte er sich in Luft auflösen, denn genau das würde er ab sofort für mich sein: Nichts als pure Luft. Und vollkommen unsichtbar. Luft konnte man übrigens auch nicht hören. Auf jeden Fall musste man ihr nicht zuhören, und deshalb konnte er sich aus seinen Anweisungen von mir aus ein Krönchen flechten. „Lassen Sie mich runter“, flüsterte ich schließlich kraftlos, und mein Puls hämmerte wild, dröhnte mir in den Ohren. „… bitte.“

( قذر [qaðir] – Mistkerl!)

Basmah: Um keinen Preis!

Ich konnte den Blick des Mannes, der mir an dem kleinen Holztisch gegenüber saß, wie eine brennende Lunte über meinen Scheitel ziehen spüren, während meine Finger eine um die andere Zeile auf dem Schriftstück entlang fuhren, das vor mir lag. Inzwischen hatte ich jegliches Zeitgefühl verloren – ein Zustand, den ich leider schrecklich gut kannte und der so typisch für diesen Ort ohne Licht und ohne Leben war. Und ich war mir beinah sicher, dass ich hier unten, metertief unter der ahnungslosen Stadt, auch tatsächlich nie eine Uhr gesehen hatte. Es mochte sich verrückt anhören, und vielleicht war es das auch, aber noch vor wenigen Wochen hätte ich nahezu alles nur für eine einzige Konstante wie das beständige Ticken einer Uhr in der absoluten, zeitlosen Dunkelheit meiner Zelle gegeben; ich hätte die Sekunden gezählt, mich an jedem noch so winzigen Beweis dafür festgeklammert, dass die Welt dort draußen sich immer noch drehte. Doch da war nichts gewesen, nichts, außer diesen kalten, rohen Betonwänden und dem nackten Boden, auf dem ich mir die Hände und Knie wund geschürft hatte, blind vor mich hin tastend. Und da war auch kein Geräusch gewesen, außer meinem eigenen keuchenden Atem, dem wummernden Herzschlag, meinem heiseren, tränenlosen und ungehört verklingenden Schluchzen.

Monate … Monate meines Lebens hatte ich dort in der Finsternis der winzigen Zelle für immer verloren; eingesperrt, gefangen in mir selbst, jeglicher Sinneseindrücke, jeglicher Beschäftigungsmöglichkeit beraubt, bis mein Verstand nur noch haltlos durch die Leere getrieben war. Und alles, was ich als Wiedergutmachung bekam, stand hier, auf diesen paar dicht beschrifteten Blättern Papier. Anfangs hatte ich gebetet, dann angefangen zu zählen, doch Hunger, Erschöpfung und die immer größer werdende Angst hatten mich den Faden verlieren, mich zitternd in der Ecke kauernd eindösen und schweißüberströmt, panisch wieder aufschrecken lassen.
Minuten, Stunden, Tage, Wochen – irgendwann war alles gleichbedeutend und … gleich bedeutungslos für mich geworden. Das Einzige, woran ich mich noch einigermaßen klar erinnern konnte, waren die Episoden plötzlichen, grell blendenden Lichts, die schwarz gekleideten Männer, die mich aus der Zelle und durch dunkle Flure gezerrt hatten, die fremden Stimmen, die vielen Fragen, immer und immer wieder dieselben Fragen, und dann … der Schmerz. Oh ja, an diese Schmerzen erinnerte ich mich von allen Dingen, die mir hier, in diesem unterirdischen Bunker widerfahren waren, am besten. An die Schmerzen und das Blut. Und die Schläge. Das Funkeln von Metall in dem Licht, das von vorn direkt auf mich gerichtet war und mich blendete, so dass ich mit tränenden Augen kaum Umrisse hatte erkennen können. Umrisse, Schemen. Keine Gesichter. Und Glut. Heiß glühendes Etwas, in meine Haut gebrannt. Meine Hand?

Immer noch unbewusst schützend lag die Linke zu einer lockeren Faust gekrümmt auf meinem Schoß, während ich mit fest zusammengepressten Lippen die Tränen wegblinzelte, die mir wie Säure in den Augen brannten. Nein, um keinen Preis der Welt würde ich vor diesen Männern noch einmal Schwäche zeigen! Ich bemühte mich, den vielen Text zu lesen; die immer noch ungewohnten westlichen Schriftzeichen in einen für mich nachvollziehbaren Kontext zu bringen. Mir war bewusst, wie immens wichtig es war, die Auflagen und Bedingungen zu verstehen, ja, zu verinnerlichen, die mir gestellt wurden. Der Job, der mir angeboten wurde, die kleine Wohnung, das Aufenthaltsrecht – das alles waren Zugeständnisse, die nicht annähernd wieder gutmachen konnten, was man mir angetan hatte; dass brutal und gewissenlos gegen Menschenrechte verstoßen worden war. Die für mich erst galten, sobald ich unterschrieb. Sie waren lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein, die Sicherung von absoluten Grundbedürfnissen, damit ich überhaupt eine Chance auf ein eigenständiges Leben hier im gelobten Land Amerika hatte. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. So ungerecht es sich auch anfühlte, ich wusste zugleich, dass ich keinerlei Ansprüche zu stellen hatte. Man hatte mir bereits nur zu deutlich klar gemacht, dass ich, würde ich mich entscheiden, doch nicht zu unterzeichnen, schon morgen der Ausländerbehörde übergeben und binnen Wochenfrist zurück nach Pakistan abgeschoben werden würde. Was einem Todesurteil gleichkam, nur, dass die Amerikaner dabei dieses Mal ihre Hände in Unschuld waschen konnten.

Mit klammen Fingern griff ich nach dem Kugelschreiber, der fast schon mahnend bereit lag. „Sie können sich zuhause nochmals alles ganz in Ruhe durchlesen, Miss El Sayed“, wiederholte der Mann mir gegenüber zum gefühlt zehnten Mal an diesem Abend, und versuchte, dabei immer noch geduldig und beruhigend zu klingen. Geheimhaltungspflicht … Schweigepflicht … Wahrheitspflicht … Uniformpflicht … Kontaktverbot zu meiner Familie … Kontaktverbot nach Pakistan allgemein … Kontaktverbot zu islamistisch-arabischstämmigen Familien und Gruppierungen innerhalb der USA … Verbot des Tragens und Gebrauchs von Schusswaffen … Pflicht zur Mitführung der Dienstmarke … regelmäßige Meldepflicht … regelmäßige psychologische Gutachten … regelmäßiger Besuch von Eingliederungsseminaren … Verbot von Nebenbeschäftigungen … Die Liste schien kein Ende zu nehmen, und noch hatte ich sie nicht einmal bis zur Hälfte durch. Doch die Erinnerung an all das, was hier geschehen war – und womöglich sogar in ein und demselben Raum, in dem ich gerade saß, schien mit jedem Augenblick, den ich mir mehr Zeit ließ, nur noch schwerer auf mir zu lasten. Auch wenn ich meine Angst nicht zeigte, so dröhnte mir doch längst der eigene Herzschlag in den Ohren und machte es mir immer schwerer, mich zu konzentrieren. Ich wollte einfach nur noch raus hier, wieder atmen können, atmen und rennen, bis ich den Horizont erreichte! Das Licht schien zu flackern, die Wände schienen immer näher zu rücken … Innerlich schaudernd blätterte ich bis zur letzten Seite und setzte den Stift an, als …

… sich die Tür öffnete. Ich hob den Kopf, als sich schwere Schritte näherten; unwillkürlich schlug mein Puls einen noch hektischeren Takt an. Ganz automatisch erhob ich mich von meinem Stuhl, trat einen Schritt zur Seite, als ich zwei Männer erkannte – den einen, der mich aus dem Krankenhaus geholt hatte – ich glaubte mich daran zu erinnern, dass jemand ihn Erik genannt hatte – und einen größeren, breiter gebauten, den ich noch nie gesehen hatte. Ich verbarg mein Unbehagen, als der Blick des Großen unverhohlen an mir entlang glitt, machte lediglich noch einen Schritt rückwärts, so dass ich wenigstens hinter dem Stuhl stand und legte die Hände auf die Lehne, froh, mich daran festhalten zu können. „… darf ich Ihnen CLAY vorstellen!“ Eriks theatralischer Tonfall gefiel mir nicht, auch wenn ich für den Augenblick nicht hätte sagen können, was genau dieses Gefühl in mir auslöste. Wie hätte ich auch ahnen sollen, welche Lügen sie dem Mann aufgetischt hatten, dessen graublaue Augen nun so direkt auf mich gerichtet waren? „Das hier ist Clay Chandler. Er wird Ihnen die Eingewöhnungsphase erleichtern und Sie natürlich dabei unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ Langsam glitten meine Finger um die oberste Querstrebe an der Lehne, ballten sich meine Hände um das glatte, lackierte Holz. Man … gab mir einen Aufpasser? Nur ganz leicht gestattete ich meinen Augenbrauen, sich zueinander zu bewegen. Ganz gleich, wie blumig Erik es auch ausdrückte, ich verstand sehr genau, wovon er da gerade sprach. Sie nahmen mir die Luft zum Atmen, noch bevor ich meine angeblich neu gewonnene Freiheit überhaupt hatte kosten können! Und nun sollte ich mir auch noch von diesem … diesem Fremden meine Entscheidungen diktieren lassen? Unwillkürlich hatte sich mein Atem beschleunigt, kämpfte aufwallender Widerstand gegen die Enge in meiner Brust, doch ich biss mir so fest auf die Unterlippe, dass alles Blut daraus wich, nur, um kein Wort der Erwiderung hervor dringen zu lassen.

Und ich hielt dem Blick des großen Mannes stand, ja, hob mein Kinn sogar noch etwas mehr an; ich würde keine Furcht zeigen, ganz gleich, wie sehr mich die Vorstellung aufwühlte, mich in seiner Nähe aufhalten zu müssen, und sei es … doch sicherlich nur hier, an meinem zukünftigen Arbeitsplatz … und dabei diesen intensiven, exotischen, durchdringenden Augen ausgesetzt zu sein.
„مرحب به Shirin Basmah.“

Bei Allah … warum fühlte sich dieses Willkommen nur so unendlich falsch an? Die Dunkelheit in seiner Stimme, kombiniert mit der nahezu akzentfreien arabischen Aussprache jagte mir einen Schauder das Rückgrat herab; ich öffnete leicht die Lippen, als ich meinen Blick von ihm los riss, die Lider sittsam über die dunklen Iriden senkte. Allah? Wenn dieser Mann des Arabischen mächtig war, dann beherrschte er womöglich auch die davon abgewandelten Sprachen aus meiner Heimat. Würde er also überprüfen, ob meine Übersetzungen bei den Verhören akkurat waren? Ob ich Fehler machte? Jemanden unbewusst übervorteilte, etwas falsch interpretierte? Mehr denn je fühlte ich mich unter Druck gesetzt, fühlte ich Panik in mir aufsteigen, Panik und Zweifel, ob ich alledem wirklich gewachsen war.

„السلام عليكم, Mr. Chandler“, erwiderte ich schließlich, das Zittern in meiner Stimme mühsam unterdrückt, und hoffte, dass er und all diese Männer hier es wörtlich nahmen. Friede, das war alles, was ich wollte – Allah sollte mir beistehen, dass mir niemals jemand etwas anderes unterstellen und ich wieder in diesem dunklen Loch landen würde.
„Miss El Sayed.“ Der Mann mir gegenüber, der immer noch auf seinem Stuhl saß, pochte ungeduldig mit dem Zeigefinger auf die Tischoberfläche, oder genauer gesagt, auf die Stelle des Papiers, an der immer noch meine Unterschrift fehlte. „Vergessen Sie nicht zu unterschreiben.“ Wie könnte ich. Sehr langsam beugte ich mich nach vorne, mir der Blicke aus drei Augenpaaren sehr wohl bewusst, am meisten jedoch des einen, graublauen. Und dann unterschrieb ich. „Sehr schön.“ Seltsam, es war beinah, als würde ein erleichtertes Aufatmen durch die Anwesenden gehen, als mir der Beamte das Schriftstück auch schon unter den Fingern wegzog und aufstand. „Nun, Clay, vielleicht zeigst du Miss El Sayed ja schon einmal ihren Wirkungsbereich und weist sie in die wichtigsten Gepflogenheiten ein, während ich die Schlüssel für die Wohnung hole“, hörte ich Erik zu meinem Bewacher sagen. Und dann, an mich gewandt: „Wenn Sie soweit sind, kommen Sie wieder zu mir. In spätestens einer halben Stunde habe ich sämtliche Zugangskarten, Ihre Dienstmarke, Sozialversicherungsnummer und diverse weitere wichtige Unterlagen für Sie. Vielleicht … nutzen Sie die Zeit auch ein wenig, um sich mit Clay bekannt zu machen.“ Damit wandten sich Erik und der Beamte um und verließen den Raum, ließen mich allein mit Chandler und seinem durchdringenden Bewacherblick. Ob er mich schon damals beobachtet, meine Schmach mit angesehen hatte? Oder gar einer der Männer gewesen war, die mir die Haut in Streifen vom Fleisch geschnitten, mich versengt, gebrandmarkt, gedemütigt hatten? Ich fühlte mich so unendlich klein unter diesem Blick, klein und elend und nackt. Aber dennoch würde ich ihm standhalten, würde ihn stolz und ungebrochen erwidern, denn niemand, niemand würde je wieder die Genugtuung erfahren, Herr über mich zu sein.

 

(مرحب به – [muˈraħħab bihi] – Willkommen)

(السلام عليكم – [as-salamu alaikum] – Der Friede sei mit Euch)