Geryon: Wahre Liebe

„… uuuund weissu wash? D-der …“ Ich rülpste lautstark, als ich aus der Schenke taumelte. „… beeschissener … Wellengang mal wieder …“, meinte ich zu meinem imaginären Kumpel, denn entgegen meiner Überzeugung war mir niemand aus dem Inneren gefolgt. Nein, ganz im Gegenteil, in der Schenke ging es mittlerweile erst richtig hoch her; grölendes Gelächter und derbe Sprüche wehten auf die Straße – oder besser gesagt den aufgeweichten Trampelpfad vor dem Haus heraus, zusammen mit einer Welle übler Gerüche. Kohleintopf machte sich nicht gut, wenn man ihn mit einem halben Fass billigem Fusel mischte, und dann auch noch dieser eklige Gestank nach Schweinescheiße … „Ich w… wundere mich eeeernshthafs, dassh die dash Dr-reckshloch noch nish ssujegmacht haben!“, ließ ich verlauten, während ich mich an der nächsten Straßenlaterne gerade noch abfing. Scheiße, ich konnte mich gerade irgendwie nicht mehr daran erinnern, wie ich überhaupt auf das Schiff gekommen war. Geschweige denn, wann dieser üble Seegang aufgekommen war, man konnte sich ja kaum auf den Beinen halten! Und immer diese Schwerkraft, die einem dazwischen funkte, wenn man einfach nur mal eben von A nach B wollte! „V-vom …“ Diesmal hielt ich mir den mit Dreck verschmierten Arm vor den Mund, als ich lauthals rülpste und dann in einen donnernden Schluckauf verfiel. Ich besaß schließlich Manieren! „… B-bug ssum … Heck“, nickte ich wild und umarmte einen Moment später innig meinen imaginären Freund, die … Pferdetränke.

Hoppala, da war ich wohl doch noch über meine eigenen Füße gestolpert, hatte dabei ja aber doch ein, ahm … herabhängendes Segel, jawohl, also ein Segel erwischt, nur dass das Mistding irgendwie viel zu schnell nachgab. Verdammt, außerdem stank es sogar an der frischen Seeluft erbärmlich! „Sscheiße. W-wie reine Kacke.“ Obwohl … Halt! Langsam hob ich den Blick, schickte ihn über ein Paar eigentlich doch äußerst dufte Beine, einen schlanken Körper und … Moment mal. Das musste jetzt wirklich Einbildung sein. Auf einem Schiff gab es nichts, was so köstlich nach Weibchen roch, nicht einmal die Huren, denn die stanken genauso erbärmlich wie der Kohleintopf, gemischt mit ranziger Muschi, was in etwa der Schweinescheiße gleichkam. Ich steckte den Kopf kurzerhand ins eiskalte Wasser; was mir unvermittelt den Schock fürs Leben verpasste, so dass ich nur Momente später prustend wieder auftauchte und mich schüttelte wie ein nasser Hund. „Oh.“ Schnell kämpfte ich mich zurück auf die Beine, als ich verschwommen feststellte, dass das Weibchen sich immer noch nicht in Luft aufgelöst hatte, und dass ich es gerade so richtig erfrischend und wohltätig meinen feinen, total überstrapazierten Geruchssinn streichelnd fand. Jetzt wo der Gestank nach Schweinedreck ein wenig nachgelassen hatte, umrundete ich sie schwankend, ein breites Grinsen auf den Lippen, wobei ich es sehr schade fand, unter der Kapuze kein Gesicht erkennen zu können. „W-wash me-eine …“ Mein Schluckauf war jetzt noch wilder geworden, so dass mich das Hicksen bei beinah jeder Silbe unterbrach und ich dabei wieder bedenklich ins Wanken geriet. „… hi-hin-reißhen-den, fass-assinie-ren… den … A-Augen nicht W-wundersh-shamesh … er-blicken!“ Poesie war immer schon mein Steckenpferd gewesen. Und meine tiefblauen Augen waren wirklich faszinierend. Man konnte in ihnen ertrinken. Oh ja. Und wenn ich sie ganz groß machte und ganz treuherzig guckte, dann … dann … hatte ich quasi schon gewonnen! Ich hatte es eben einfach drauf, die Frauen lagen mir zu Füßen! Alle! „Oh ho-holde … M-Maid … sho blei-ibt doch … sh-shteh’n!“ Schon griff ich nach ihrem Arm, als sie sich abwandte und fortgehen wollte, wobei ich etwas zu spät merkte, dass die schnelle Bewegung mich praktisch von den Füßen riss und … ich mit beinah meinem vollem Gewicht gegen – oder besser gesagt auf die junge Dame stürzte.

 

[Geryon trifft Ariel; nach einem feuchtfröhlichen Abgang aus der Dorfschenke und einer kurzen, aber innigen Bekanntschaft mit einem Haufen Schweine-Exkremente. *16./17.11.2015]

Jazminka: Totgeburt

Er sieht zu mir herüber. Immer wieder sieht er mich an und es gefällt mir, wie ich seine Aufmerksamkeit auf mich lenken kann. Er ist unkonzentriert, hört dem Mann kaum zu, der gerade mit ihm spricht. Ich halte seinem Blick einen Moment lang stand, dann schlage ich die Augen nieder. Ich weiß, dass er mich noch immer ansieht, ich kann es fühlen. Ich schiebe die Beine ein wenig auseinander, bis mein Rock sich über den Oberschenkeln spannt und falte die Hände in meinem Schoß. Meine Füße trommeln sacht gegen ein Bein des Tisches, auf dem ich sitze. Er geht dicht an mir vorbei und gibt vor, keinerlei Notiz von mir zu nehmen. Aber ich weiß es besser. Er interessiert sich im Moment für keine der anderen und außer ihm interessiert sich niemand für mich. Ich lege den Kopf in den Nacken, drücke den Oberkörper durch und löse das Band aus meinem Haar. Langsam fasse ich es wieder zusammen, bändige die dunklen Strähnen zu einem neuen Zopf. Plötzlich kommt er direkt auf mich zu. Ich sehe ihn an, warte, bis sich unsere Blicke wieder treffen. Er sieht ärgerlich aus, fast so, als wollte er mich jetzt schlagen. Mein Magen zieht sich zusammen, mein Herz rast vom Adrenalin. Ich bin süchtig nach diesem Spiel, es ist aufregender als alles andere, was ich kenne. Heute spiele ich es nicht zum ersten Mal; es ist wie ein kleines Geheimnis zwischen uns beiden, zwischen mir und ihm. Aber ich habe noch nie so lange gewartet wie heute, ehe ich geflüchtet bin. Kurz bevor er mich erreicht, springe ich auf und laufe lachend zu meinen Freundinnen. Ich kann seinen Blick im Rücken spüren, als er mir nachsieht. Und noch etwas anderes, etwas, von dem mir die anderen Mädchen nichts gesagt haben. Es ist wie ein Prickeln im Nacken; ich kann seine Erregung fast körperlich spüren, wenn er mir so nah kommt. Sie füllt mich mit einer sonderbaren Kraft, so als würden Funken zwischen meinen Fingerspitzen tanzen.

*****

Tiefe Schatten liegen zwischen den Bäumen; ich kann kaum noch die Hand vor Augen sehen, aber ich fürchte mich nicht. Es ist eine kleine Mutprobe, mit der die Jungs uns Mädchen am Rande des Dorffestes aufziehen wollen. Der kleine Korb baumelt locker in meiner Hand, ich springe leichtfüßig den schmalen Pfad entlang, den ich auch ohne das Tageslicht gut genug kenne, um mich nicht zu verlaufen. Unweit vor mir glüht etwas Kleines still in der Dunkelheit auf und als ich den Atem anhalte, kann ich das leise Surren des Flügelschlags hören. Ich muss nur eines dieser Sommer-Irrlichter einfangen, dann habe ich den Test bestanden und es den Jungs endgültig gezeigt. Aus der Ferne höre ich Gelächter herüber schwappen, es ist schon spät in der Nacht und die meisten Dorfbewohner sind betrunken. Plötzlich vernehme ich Schritte hinter mir; kleine Kiesel knirschen unter schwerem Gang. Ich gehe schneller, tiefer in den Wald hinein und das kleine Irrlicht erlischt erschrocken, als ich in dessen Nähe komme. Die Schritte nähern sich, auch sie sind schneller geworden. Ich höre meinen eigenen Herzschlag trommeln. Ich habe nun doch Angst. Aber dann bleibe ich stehen, drehe mich ganz plötzlich um, rechne damit, dass einer der Jungs sich einen Scherz mit mir erlaubt, um mir die Aufgabe zu erschweren. Ich werd’s ihm zeigen! Aber es ist keiner meiner Freunde; der weitaus ältere Mann, dem ich mich gegenüber finde, hat diese hungrigen Augen. Ich kenne sie, und auch diesmal erwidere ich seinen Blick, fast ein wenig erleichtert, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Aber jetzt fühlt es sich vollkommen anders an. Er kommt näher, schwankt dabei. Er scheint betrunken zu sein. Ich senke den Blick und weiche ihm aus, will an ihm vorbei, zurück ins Dorf. Ich will ihn heute lieber nicht reizen, er sieht so schon ziemlich gefährlich aus, wie ein Raubtier auf der Jagd. Immer noch spricht keiner von uns ein Wort. Fast bin ich an ihm vorbei, da packt er mich an der Taille. Ich lasse den Korb fallen, versuche mich seinem Griff zu entziehen. Sein Atem riecht nach billigem Schnaps, ich kann ihn keuchen hören. Meine Kehle ist wie zugeschnürt; ich bringe keinen Ton hervor, und als ich endlich schreien will, hat er mich längst zu Boden geworfen und presst mir seine Hand auf den Mund, dass mir die Luft wegbleibt. Stunden später ergießt sich die aufgehende Sonne über meine nackte Haut. Heißes Blut benetzt meine Schenkel und ein wütender Schmerz tobt in meinem Unterleib. Mein Kleid ist zerrissen, das Haarband verloren, die Fingernägel abgebrochen und die Kehle wund. Ich möchte nichts mehr fühlen, nie wieder.

*****

Sechs Monate später kann ich die Wölbung meines Bauches kaum noch verbergen. Ich trage die weiten Kleider meiner Mutter; sie weiß es und hilft mir. Aber ich spreche nicht mit ihr darüber, nenne ihr nicht den Namen des Mannes, der Vater dieses Kindes ist. Ich spreche mit niemandem darüber und habe mir geschworen, es nie zu tun. Immer noch schrubbe ich mir jeden Morgen und Abend den Dreck von der Haut, bis sie rot und aufgerieben ist. Ich fühle mich so beschmutzt, und diese vielen Blicke, die mich verfolgen, ich kann mich nicht vor ihnen verstecken. Ich weiß, dass sie es wissen, jeder kann den Dreck sehen, der an mir klebt. Warum sonst sollten sie mich so anstarren? Sie wissen es, aber sie schweigen, so wie ich auch. Ich hasse dieses Ding, das in meinem Bauch heranwächst. Vor ein paar Wochen wollte ich es loswerden, mit einem Stein habe ich auf es eingeschlagen und gehofft, dass sein Herz stehenbleibt. Es soll tot sein, wenn es geboren wird. Ich weiß, dass es seine Augen hat, und ich will sie niemals wieder sehen. Es ist auch so nicht einfach, ihm ständig aus dem Weg zu gehen, er ist im Dorf so präsent. Jeder kennt ihn, jeder spricht von ihm. Und doch schweigen sie alle, so wie ich auch. Ich muss fortgehen, fort von hier. Mutter wird mir helfen. Ich ertrage diese vielen Blicke nicht mehr, und schon bald wird man neben dem Schmutz auch noch den dicken Bauch sehen. Wir gehen in die Wildnis, dorthin, wo die Tiere die Nachgeburt fressen. Mutter wird dafür sorgen, dass ich dieses Ding, das aus mir herauskommt, niemals lieben muss. Ich will es nicht. Ich hasse es!

*****

Er hält mir eine Kette hin; der große, rote Stein, der vor meinem Gesicht hin und her schwingt, funkelt in der Sonne und zieht meinen Blick wie magisch an. Der Klunker muss ein Vermögen wert sein! Ich hebe den Kopf, sehe zu dem Mann auf, der vor mir steht. Er trägt feine Kleidung; seine polierten Schuhe glänzen fast so schön, wie der rote Stein. Ein lichter Haarkranz umgibt seine Halbglatze; sie sind zum größten Teil schon grau geworden. Er lächelt mich an; in seinen hellen Augen liegt dieser dunkle, hungrige Blick. Der Mann ist gut genährt und trägt so etwas wie einen gebogenen Degen an seinem Gürtel. Ich kann spüren, wie das Metall seines Eherings über meine Haut gleitet, als er mit seiner dicken Hand über mein Knie streicht. Kühl und glatt. Ich schiebe wie zufällig eine Hand unter meinen Rocksaum, reibe mit dem Daumen über meinen Schenkel, als würde ich mich dort kratzen, gedankenlos, den Blick nun wieder auf den kostbaren Stein geheftet. Ich weiß genau, was der Mann von mir will und ich kann seine Erregung spüren. Sie füllt mich mit einer eigenartigen Macht, fast so als würde ich sie trinken, doch das ändert nichts an dem schmerzhaften Kloß, der sich in meinem Magen zusammengeballt hat. Es wäre so einfach – ich müsste es nur irgendwie hinter mich bringen und die Kette würde mir gehören. Noch nie habe ich etwas so Wertvolles besessen. Ich könnte sie eintauschen, gegen mehr Brot, als ich überhaupt tragen kann, und Körbe voll von diesen wunderbaren süßen Beeren. Mein Herz schlägt schnell, ich spüre, wie die Angst in mir aufsteigt. Was, wenn ich nein sage? Wenn ich mich widersetze? Wird er sich dann nicht trotzdem holen, was er will? Hier ist kein Mensch, weit und breit. Zumindest keiner, der helfen würde oder auch nur etwas sagen. Aber die Kette würde er mir dann nicht geben. Ich weiß, was er von mir will, und dass es wehtun wird. Wahrscheinlich hat er eine Tochter in meinem Alter. „Wie ist dein Name, Mädchen?“, fragt der Mann und zieht die Hand mit der Kette weg, so dass ich wieder nach oben blicken muss, um sie zu sehen. Ich will diese Kette; ich könnte meinen leeren Magen monatelang mit Essen füllen, nur durch diesen einen, funkelnden Stein, der wahrscheinlich wertvoller ist, als ich es mir vorstellen kann. „Nun komm schon … zier dich nicht so.“ Er wird langsam ungeduldig, hört sich jetzt nicht mehr so freundlich an. Meine Chance entgleitet mir. Ich kann es schnell hinter mich bringen. Der Mann streckt die freie Hand nach mir aus und will, dass ich sie ergreife. Ich ziehe verlegen meinen Rocksaum zurecht und stehe auf. Männern wie ihm gefällt die Vorstellung, der Erste zu sein, und auf gewisse Weise ist er das auch. „Jazminka. Jazminka Borilova“, lüge ich nach einer Weile und rolle dabei das R mit meiner Zunge, wie es der Fürst angeblich tut. Ich habe ihn noch nie gesehen. Ich schiebe meine Hand in die Hand des reichen Mannes und gehe mit ihm, wohin er will.

Basmah: Finally coming home

Schon die erste Berührung von ihm riss mich augenblicklich aus der Vergangenheit und dem wirren angstvollen Konstrukt heraus, in das ich mich geflüchtet hatte und beförderte mich sanft aber unnachgiebig sofort zurück ins Hier und Jetzt. Mit einem Mal war die Kälte, die Angst und Unsicherheit wieder dieser alles umfangenden Wärme gewichen; war der Wolf ganz nah und alles andere als ein irres Hirngespinst. Für meine innere Wölfin war die Wahrheit, die hinter dieser Berührung steckte, das Einzige, was zählte. Sie dachte nicht nach, hing nicht in vergangenen Schrecken fest, fühlte weder Selbstverachtung, noch die Schmerzen und die Demütigungen, die schon längst hinter ihr lagen. Die Verbindung zu ihrem Alpha war jetzt greifbar, sie war ein unsichtbares und unwiderrufliches Band, intimer als jedes Wort, jeder Kuss, jede Umarmung. Und beständig. Sie war ein Band, das mehr ihrer und seiner Natur entsprach als es jede Distanz, jeder Zweifel, jede furchtsame Leugnung, die der Verstand mir einzureden versuchte, je sein könnte. Was Clay in mir hervorrief, waren Mut und Stärke, waren Wildheit und Treue, war eine Ergebenheit, die nichts mit Erniedrigung zu tun hatte, sondern mein wahres Wesen auf diese sanfte, unerschütterliche Weise ansprach, wie es nur der Alpha konnte. Er war hartnäckig, wie er mich in seine Arme zog, mich so lange festhielt, bis seine innere Ruhe und Zuversicht mich wie ein wärmender Strom füllte, meine Tränen versiegen und meinen Puls sowie meine Atmung ruhiger werden ließ. Jetzt konnte ich vergessen, für die Dauer langer Momente, Minuten, Stunden; ich wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis er mich zurück zu der Liege trug. Und ich konnte einfach zulassen, was zwischen uns war, ohne es auch nur einen Augenblick lang erneut in Frage zu stellen, ja, sogar ohne zu versuchen, es zu verstehen.

Schließlich war es sein Blick, waren es seine Hände, die mich festhielten, und der unerschütterliche Strom seiner Liebe, der mein Innerstes ausfüllte; mit ihrer puren Intensität jegliche Möglichkeit einer anderen Empfindung als diese aus vollem Herzen zu erwidern, einfach zurück drängte. Und die Wölfin in mir wollte nichts sehnlicher, als geweckt werden, aus dem Gefängnis ihrer menschlichen Gestalt befreit werden; mit ihm an ihrer Seite das Geschehene für immer hinter sich lassen. Mein ganzes Leben lang war mir eingeprügelt worden, dass ich nichts wert war, und doch hatte ich immer wieder einen Weg gefunden, wenigstens mir selbst zu beweisen, dass das nicht stimmte. Ich hatte mich aus meinen Fesseln befreit, auch wenn diese Freiheit immer nur vorübergehend war; hatte hart und still und heimlich darum gekämpft, mir die Lust am Leben zu bewahren. Und es war mir gelungen, entgegen aller Widrigkeiten. Bis zu diesem heutigen Tag. Bis zu dem Punkt, an dem mein Lebenswille eingebrochen war. Clay entfachte ihn, entfachte ihn neu, als er meine Hand auf sein Herz legte. Ich konnte es spüren, deutlicher und kräftiger denn je, wie es für mich schlug. „Ich habe mich nie wie eine von ihnen gefühlt …“, flüsterte ich, als sich meine Finger an seiner Brust zusammen zogen und sich über seinem Herzen in sein Hemd vergruben. „Vielleicht war und bin ich genauso wenig Mensch, wie du es bist, Clay … Die Wölfin war mir immer so viel näher … Sie … sie war es, die mir den Überlebenswillen gab; die Kraft immer weiter zu kämpfen. Ich … ich habe nie dazugehört, und dennoch fühlte ich mich immer mitschuldig für die Taten, für die sie Allahs Namen missbrauchten …“ Plötzlich zitterte ich, runzelte von einem furchtsamen Beben erfasst die Stirn und senkte meine Lider. „Hast du … es gesehen? Ich meine, hast du es … mitangesehen?“ Es verstrichen ein paar bange Momente, in denen ich seiner Antwort harrte. Dann biss ich mir leicht auf die Unterlippe, ließ kurz die Zungenspitze folgen, als ich den Blick hob und ihn vertrauensvoll in seinen legte. „Wird das von jetzt an immer so sein? Werde ich … dich immer in mir spüren?“ Ich erinnerte mich daran, dass er gesagt hatte, er hätte mein Leben an sich gebunden. Das machte mir Angst, vor allem, weil ich die volle Bedeutung dessen noch nicht annähernd verstand. Ich hatte nicht die geringste Ahnung davon, was für ein Wesen da wirklich in ihm wohnte und was dieser Mitternachtsstamm genau war, von dem er sprach. Aber eines wusste ich in diesem Moment mit unerschütterlicher Gewissheit: Dass ich ihm folgen wollte, egal wohin. Ich wollte ihm meine Liebe und meine Hingabe schenken und ihm folgen, weil er das einzige Zuhause war, das ich hatte. Ich wollte fort aus der Welt der Menschen, die mir immer so fremd gewesen war. „Ich will bei dir sein.“ Es war nur ein Hauchen, das über meine Lippen floss, als ich Stirn und Nase an seine lehnte. „Ich will vergessen … und ich will bei dir sein. Auf dieselbe Weise, wie du bei mir bist.“

Jayce: Vogelfänger

Normalerweise hatten Frauen von Jayce nicht mehr zu erwarten als eine einzelne, bedeutungslose Nacht. Er verließ sie meist noch im Morgengrauen, und wenn er sie überhaupt mit nach Hause genommen hatte, dann gab er noch im Hinausgehen Anweisungen, dafür zu sorgen, dass sie verschwunden waren, sobald die Sonne aufging. Das hatte einerseits damit zu tun, dass er keinerlei Interesse daran hatte, das bisschen Zeit, das ihm zwischendurch blieb, in eine hohle Beziehung zu investieren – auch, wenn es so mancher Frau vielleicht gefallen hätte. Die meisten aber waren sowieso nur darauf aus, ihre Trophäensammlung um einen besonders dicken Fang zu erweitern und das schnellstmöglich ihren Freundinnen zu erzählen, was Jayce in weiterer Folge wohl genau jenen einschlägigen Ruf einbrachte, der in der gesamten Damenwelt kursierte. Oft boten sie sich ihm auch schamlos an, um im unpassendsten Augenblick seine Gunst zu gewinnen: Versuchten ihn nach allen Regeln der Kunst dazu zu verführen, hier oder da ein Auge zuzudrücken, ein gutes Wort beim Fürsten einzulegen oder bei der nächsten Ratssitzung haarsträubende Vorschläge einzubringen. Er war nie darauf eingegangen; im Gegenteil, hatte es ihn doch dermaßen angeekelt, wieder einmal zu sehen, welche hässlichen Abgründe in jenen vorgetäuschten Schönheiten lauerten; welche schmutzigen Absichten hinter süß gehauchten Worten steckten. Eine hatte sein Bett sogar in Handschellen verlassen, nachdem sie versucht hatte, Jayce zum Komplizen für einen feigen Anschlag auf die Fürstengattin zu machen – sie hatte nie die Gelegenheit dazu gehabt, ihren nackten, scheinheiligen Körper wieder mit Kleidern zu bedecken.

Es war auch wahrlich nicht so, als hätte er nicht weit mehr als ein oder zweimal in diese Richtung gedacht, seit er Kerike kannte … Ganz besonders dann, wenn sich ihr zarter Körper so unbesonnen, so unverhofft sehnsüchtig an seinen schmiegte, ihr Haar seine Wange kitzelte und ihr eigentümlicher Duft ihn einhüllte. Aber Jayce war niemand, der sich von reinen Trieben steuern ließ. Sein Verstand saß immer noch im Kopf und nicht in der Hose. Und er hatte nicht vor, sich allzu sehr auf sie einzulassen, war eigentlich ohnehin schon ein wenig zu weit gegangen – denn er wusste, dass er sich das nicht leisten konnte. Was er von ihr wollte, war einzig und allein, dass sie in Sicherheit blieb, bis die Lage in der Stadt sich wieder einigermaßen entspannt hatte. Und was auch immer sie behaupten mochte – wenn ihre Sympathie zum Kommandanten sich draußen herum sprach, dann steckte sie in ernsthaften Schwierigkeiten. Zudem waren sie durch den Auftritt des Betrunkenen in der Schenke für seinen Geschmack etwas zu sehr in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten, was Kerike durchaus leicht zu einem begehrten Opfer machen konnte. Wenn Jayce zuließ, dass zwischen ihnen eine wirklich tiefe, emotionale Bindung entstand, dann machte er nicht nur sich selbst, sondern auch sie zur Zielscheibe für seine Feinde. Und das – nun, das hatte sie ganz einfach nicht verdient. Ja, wenn er wirklich anfing, darüber nachzudenken, dann bereute er es jetzt zutiefst, sie nicht von Anfang an einfach ignoriert zu haben. Aber es war unmöglich gewesen. Sie war so …

Er nickte lächelnd, als sie ihn fragend ansah und wartete, bis sie sich von dem Soldaten aus dem Sattel helfen hatte lassen, ehe er selbst abstieg und ihr langsam hinterher kam. Jayce ließ ihr Zeit für die Begeisterung, genoss es, wie die Emotionen ihre Züge zum Leuchten brachten. Ja, sie war wie ein flatternder, singender kleiner Vogel, dem die Flügel zu brechen unmöglich übers Herz zu bringen war. „Zu Befehl“, schmunzelte er, als sich die Tür wie von Zauberhand vor ihnen öffnete und Stefan, der Butler, in weiß behandschuhter Livree ihnen mit einer Verbeugung Platz zum Eintreten machte. „Willkommen, Herr Fergusson!“, begrüßte er Jayce mit ernster Miene, zauberte dann aber sogleich ein Lächeln auf seine Züge, als er sich Kerike zuwandte. „Einen wunderschönen guten Abend, die Dame“, galt ihr sodann sein freundlicher Gruß. „Guten Abend, Stefan“, erwiderte Jayce, während er Kerike ins Innere des Hauses folge und der Butler die Türen hinter ihnen wieder schloss. Sie fanden sich in einer weitläufigen Eingangshalle wieder; der auf Hochglanz polierte Steinboden, der eine ähnlich feine Maserung aufwies wie Marmor, war von roten Läufern durchzogen. Schwere Kerzenluster tauchten den Raum in goldenes Licht und an den Wänden spielte eine Unzahl von Reflexionen, wo auch immer die Flammen von den Bleiglastränen gebrochen wurden, die die Leuchten zierten.

Große Töpfe mit exotischen Pflanzen hauchten der Halle sattgrünes Leben ein und weit vor ihnen tat sich eine ausladende Treppe auf, die sowohl nach oben, als auch nach unten führte. Rechts und links befanden sich großzügige Korridore, durch die man weiter ins Innere des Hauses gelangte. „Nun … zum einen mit Stefan – er kümmert sich um alle Annehmlichkeiten und versteht zudem auch recht viel davon, das Haus handwerklich in Schuss zu halten.“ Jayce vefügte, gemessen an der Größe des Hauses, nur über einen kleinen Grundstock an Bediensteten, denn dadurch, dass er so gut wie nie zuhause war, fiel auch entsprechend selten mehr als das Nötigste an Arbeit an. „Und dann …“ Seine weiteren Worte erübrigten sich, oder gingen genau genommen schlicht unter, als eine rundliche, beschürzte ältere Frau mit pausbäckigem Gesicht und vom Leben geröteten Wangen die Kellertreppe heraufkam. Ihr pechschwarzes Haar hatte sie zu einem dicken Knoten auf dem Hinterkopf gebunden, der jedoch nie streng genug war, um die feinen Strähnen zurückzuhalten, die sich immer wieder lösten und ihr ins Gesicht fielen. Stahlblaue Augen leuchteten ihnen entgegen. „Miester Färgasson!„, rief sie erfreut aus und stellte einen Korb mit Kartoffeln eilig am Boden ab, ehe sie mit weit ausgebreiteten Armen auf Jayce und Kerike zukam, so, als wolle sie sie beide gleichzeitig in eine überschwängliche Umarmung schließen. „Wielkomen, wielkomen! Und cherzliches Wielkomen auch die entzieckende junge Dame!“ Jayce warf Kerike einen kurzen Blick zu und zwinkerte. In Anwesenheit von Ljudmila gelang es selbst ihm so gut wie nie, sich nicht von guter Laune anstecken zu lassen. Sie war eine typische russische Mamuschka, wie sie im Buche stand. Sie umarmte Jayce zwar dann doch nicht, sondern schenkte ihm nur ein breites Lächeln, ergriff aber sogleich Kerikes Hand mit ihren beiden schwieligen, runzeligen Händen und strahlte sie geradezu an, während ihr Blick einen verschwörerischen Zug annahm. „Chabe ich glieckliche Gefiehl gehabt in meine Bauch, Miester Färgasson wierd cheute Abend wieder kommen zurieck! Bin iech cheute gegangen und friesche Pielze gekauft, fier Waldgeschmack bei zarte Flaisch von große Kanienchen! Chat immer Chunger wenn kommt mit Be…“ Sie blinzelte, als sie bemerkte, dass sie wieder einmal schneller gesprochen als gedacht hatte und zog grinsend die Augenbrauen hoch, Kerikes Hand immer noch festhaltend. „Chast du sicher auch Chunger, klaine Dame, siehst du so knochelich aus wie chättest du lange nicht bekomen Flaisch zwischen chiebsche Zähnchen.“

„Kerike, wenn ich dir Ljudmila vorstellen darf – sie ist die gute Seele dieses Hauses und zudem bestimmt die aller-allerbeste Köchin der ganzen Stadt. Wann immer du etwas brauchst, wende dich an sie, denn in ihr stecken noch viel mehr Qualitäten, die man auf den ersten Blick gar nicht erwarten würde.“ Er grinste Ljudmila flüchtig an, als teilten die beiden ein paar Geheimnisse miteinander und wandte sich dann wieder Kerike zu. Ljudmila kümmerte sich um den gesamten Haushalt und pflegte hinter dem Haus einen beachtlichen Kräuter- und Gemüsegarten. Ihr Wissen, was vor allem auch die einheimischen Pflanzen betraf, war umfassend genug, um Jayce‘ Arbeit mit dem einen oder anderen Mittelchen gezielt unterstützen zu können. Zudem verstand sie sich auch ein wenig auf die Kräuterheilkunde – und natürlich die unverwechselbaren Aromen, die sie mit deren Hilfe ihren Speisen entlocken konnte. „Kümmere dich gut um sie, Ljudmila – Kerike wird für eine Weile unser Gast sein. Sie soll sich wie zuhause fühlen.“

Ethan: Geliebter Feind

In diesem Moment verachtete ich ihn. Ich verachtete Noah dafür, dass er meinem Schlag nicht auswich, obwohl ich ganz genau wusste, dass er es locker gekonnt hätte. Und am meisten Verachtung empfand ich dafür, dass er ihn einfach hinnahm, ohne ein Wort, und ohne auch nur Anstalten zu machen, sich zur Wehr zu setzen. Nein, das hier war nicht der Noah, den ich kannte. Ich konnte sehen, riechen, fühlen, wie er innerlich kurz vor der Explosion stand und sich trotzdem zurückhielt, und ich konnte nicht anders, als ihn dafür zu verachten. Zumindest … bis zu dem Moment, den ich nun ganz und gar nicht kommen sah, so wutsprühend wie ich ihm all meine Verachtung in Worten entgegen spuckte. Er sprang mich an wie ein entfesselter Berserker; ich hatte keine Chance, überhaupt zu reagieren oder auch nur überrascht zu sein, donnerte unter seinem brachialen Angriff mit Schwung auf den vereisten, von einer dünnen Schneeschicht bedeckten Boden, dass zu allen Seiten gefrorene Eiskristalle aufstoben. Bevor ich wusste, wie mir geschah, schlug seine Faust so dicht neben meinem Gesicht ein, dass ich den Luftzug wie einen Messerschnitt an meiner Wange spüren konnte.

Mir blieb für einen Moment die Luft weg, weshalb ich mich weder regen, noch dem irren Lachen nachgeben konnte, das mir plötzlich in die Kehle stieg. Heilige Scheiße … Ich hatte mich schon so daran gewöhnt, die Dinge mit meinen Fäusten zu klären, dass es fast eine Erleichterung war. Sollte er doch zuschlagen, sollte er mir doch Gründe liefern, zurückzuschlagen, denn das war verdammt nochmal etwas, womit ich bestens umgehen konnte! Ganz im Gegensatz zu den um Welten härteren Schlägen, die er jetzt mit Worten austeilte. Das … das war etwas, womit ich überhaupt nicht klar kam; das war etwas, was wirklich wehtat und was ich nicht einfach mit meinem Körper und zusammengebissenen Zähnen abfangen konnte. Und ich verstand … Mit einem Mal verstand ich jede einzelne Silbe, jedes Funkeln von Wut in Noahs Augen, jedes mühsam unterdrückte Beben von Schmerz in seiner Stimme. Hätte er mit einem Messer in meinen Eingeweiden gewühlt, es hätte nicht vernichtender sein können. Ich war mir so … so verflucht sicher gewesen, dass ich bereit war, bereit, jetzt endlich hinzusehen, mir das Leid anzusehen, das ich verschuldete, nachdem ich mehr als ein halbes Jahrhundert lang die Augen davor verschlossen hatte. Aber ich war es nicht; wäre vermutlich niemals bereit dafür gewesen. Wir beide wussten, wie Recht er mit dem hatte, was er mir an den Kopf warf – und wir beide wussten, dass die Wut, die er damit immer noch mehr in mir schürte, in Wahrheit mir selbst galt.