Jayce: Vogelfänger

Normalerweise hatten Frauen von Jayce nicht mehr zu erwarten als eine einzelne, bedeutungslose Nacht. Er verließ sie meist noch im Morgengrauen, und wenn er sie überhaupt mit nach Hause genommen hatte, dann gab er noch im Hinausgehen Anweisungen, dafür zu sorgen, dass sie verschwunden waren, sobald die Sonne aufging. Das hatte einerseits damit zu tun, dass er keinerlei Interesse daran hatte, das bisschen Zeit, das ihm zwischendurch blieb, in eine hohle Beziehung zu investieren – auch, wenn es so mancher Frau vielleicht gefallen hätte. Die meisten aber waren sowieso nur darauf aus, ihre Trophäensammlung um einen besonders dicken Fang zu erweitern und das schnellstmöglich ihren Freundinnen zu erzählen, was Jayce in weiterer Folge wohl genau jenen einschlägigen Ruf einbrachte, der in der gesamten Damenwelt kursierte. Oft boten sie sich ihm auch schamlos an, um im unpassendsten Augenblick seine Gunst zu gewinnen: Versuchten ihn nach allen Regeln der Kunst dazu zu verführen, hier oder da ein Auge zuzudrücken, ein gutes Wort beim Fürsten einzulegen oder bei der nächsten Ratssitzung haarsträubende Vorschläge einzubringen. Er war nie darauf eingegangen; im Gegenteil, hatte es ihn doch dermaßen angeekelt, wieder einmal zu sehen, welche hässlichen Abgründe in jenen vorgetäuschten Schönheiten lauerten; welche schmutzigen Absichten hinter süß gehauchten Worten steckten. Eine hatte sein Bett sogar in Handschellen verlassen, nachdem sie versucht hatte, Jayce zum Komplizen für einen feigen Anschlag auf die Fürstengattin zu machen – sie hatte nie die Gelegenheit dazu gehabt, ihren nackten, scheinheiligen Körper wieder mit Kleidern zu bedecken.

Es war auch wahrlich nicht so, als hätte er nicht weit mehr als ein oder zweimal in diese Richtung gedacht, seit er Kerike kannte … Ganz besonders dann, wenn sich ihr zarter Körper so unbesonnen, so unverhofft sehnsüchtig an seinen schmiegte, ihr Haar seine Wange kitzelte und ihr eigentümlicher Duft ihn einhüllte. Aber Jayce war niemand, der sich von reinen Trieben steuern ließ. Sein Verstand saß immer noch im Kopf und nicht in der Hose. Und er hatte nicht vor, sich allzu sehr auf sie einzulassen, war eigentlich ohnehin schon ein wenig zu weit gegangen – denn er wusste, dass er sich das nicht leisten konnte. Was er von ihr wollte, war einzig und allein, dass sie in Sicherheit blieb, bis die Lage in der Stadt sich wieder einigermaßen entspannt hatte. Und was auch immer sie behaupten mochte – wenn ihre Sympathie zum Kommandanten sich draußen herum sprach, dann steckte sie in ernsthaften Schwierigkeiten. Zudem waren sie durch den Auftritt des Betrunkenen in der Schenke für seinen Geschmack etwas zu sehr in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten, was Kerike durchaus leicht zu einem begehrten Opfer machen konnte. Wenn Jayce zuließ, dass zwischen ihnen eine wirklich tiefe, emotionale Bindung entstand, dann machte er nicht nur sich selbst, sondern auch sie zur Zielscheibe für seine Feinde. Und das – nun, das hatte sie ganz einfach nicht verdient. Ja, wenn er wirklich anfing, darüber nachzudenken, dann bereute er es jetzt zutiefst, sie nicht von Anfang an einfach ignoriert zu haben. Aber es war unmöglich gewesen. Sie war so …

Er nickte lächelnd, als sie ihn fragend ansah und wartete, bis sie sich von dem Soldaten aus dem Sattel helfen hatte lassen, ehe er selbst abstieg und ihr langsam hinterher kam. Jayce ließ ihr Zeit für die Begeisterung, genoss es, wie die Emotionen ihre Züge zum Leuchten brachten. Ja, sie war wie ein flatternder, singender kleiner Vogel, dem die Flügel zu brechen unmöglich übers Herz zu bringen war. „Zu Befehl“, schmunzelte er, als sich die Tür wie von Zauberhand vor ihnen öffnete und Stefan, der Butler, in weiß behandschuhter Livree ihnen mit einer Verbeugung Platz zum Eintreten machte. „Willkommen, Herr Fergusson!“, begrüßte er Jayce mit ernster Miene, zauberte dann aber sogleich ein Lächeln auf seine Züge, als er sich Kerike zuwandte. „Einen wunderschönen guten Abend, die Dame“, galt ihr sodann sein freundlicher Gruß. „Guten Abend, Stefan“, erwiderte Jayce, während er Kerike ins Innere des Hauses folge und der Butler die Türen hinter ihnen wieder schloss. Sie fanden sich in einer weitläufigen Eingangshalle wieder; der auf Hochglanz polierte Steinboden, der eine ähnlich feine Maserung aufwies wie Marmor, war von roten Läufern durchzogen. Schwere Kerzenluster tauchten den Raum in goldenes Licht und an den Wänden spielte eine Unzahl von Reflexionen, wo auch immer die Flammen von den Bleiglastränen gebrochen wurden, die die Leuchten zierten.

Große Töpfe mit exotischen Pflanzen hauchten der Halle sattgrünes Leben ein und weit vor ihnen tat sich eine ausladende Treppe auf, die sowohl nach oben, als auch nach unten führte. Rechts und links befanden sich großzügige Korridore, durch die man weiter ins Innere des Hauses gelangte. „Nun … zum einen mit Stefan – er kümmert sich um alle Annehmlichkeiten und versteht zudem auch recht viel davon, das Haus handwerklich in Schuss zu halten.“ Jayce vefügte, gemessen an der Größe des Hauses, nur über einen kleinen Grundstock an Bediensteten, denn dadurch, dass er so gut wie nie zuhause war, fiel auch entsprechend selten mehr als das Nötigste an Arbeit an. „Und dann …“ Seine weiteren Worte erübrigten sich, oder gingen genau genommen schlicht unter, als eine rundliche, beschürzte ältere Frau mit pausbäckigem Gesicht und vom Leben geröteten Wangen die Kellertreppe heraufkam. Ihr pechschwarzes Haar hatte sie zu einem dicken Knoten auf dem Hinterkopf gebunden, der jedoch nie streng genug war, um die feinen Strähnen zurückzuhalten, die sich immer wieder lösten und ihr ins Gesicht fielen. Stahlblaue Augen leuchteten ihnen entgegen. „Miester Färgasson!„, rief sie erfreut aus und stellte einen Korb mit Kartoffeln eilig am Boden ab, ehe sie mit weit ausgebreiteten Armen auf Jayce und Kerike zukam, so, als wolle sie sie beide gleichzeitig in eine überschwängliche Umarmung schließen. „Wielkomen, wielkomen! Und cherzliches Wielkomen auch die entzieckende junge Dame!“ Jayce warf Kerike einen kurzen Blick zu und zwinkerte. In Anwesenheit von Ljudmila gelang es selbst ihm so gut wie nie, sich nicht von guter Laune anstecken zu lassen. Sie war eine typische russische Mamuschka, wie sie im Buche stand. Sie umarmte Jayce zwar dann doch nicht, sondern schenkte ihm nur ein breites Lächeln, ergriff aber sogleich Kerikes Hand mit ihren beiden schwieligen, runzeligen Händen und strahlte sie geradezu an, während ihr Blick einen verschwörerischen Zug annahm. „Chabe ich glieckliche Gefiehl gehabt in meine Bauch, Miester Färgasson wierd cheute Abend wieder kommen zurieck! Bin iech cheute gegangen und friesche Pielze gekauft, fier Waldgeschmack bei zarte Flaisch von große Kanienchen! Chat immer Chunger wenn kommt mit Be…“ Sie blinzelte, als sie bemerkte, dass sie wieder einmal schneller gesprochen als gedacht hatte und zog grinsend die Augenbrauen hoch, Kerikes Hand immer noch festhaltend. „Chast du sicher auch Chunger, klaine Dame, siehst du so knochelich aus wie chättest du lange nicht bekomen Flaisch zwischen chiebsche Zähnchen.“

„Kerike, wenn ich dir Ljudmila vorstellen darf – sie ist die gute Seele dieses Hauses und zudem bestimmt die aller-allerbeste Köchin der ganzen Stadt. Wann immer du etwas brauchst, wende dich an sie, denn in ihr stecken noch viel mehr Qualitäten, die man auf den ersten Blick gar nicht erwarten würde.“ Er grinste Ljudmila flüchtig an, als teilten die beiden ein paar Geheimnisse miteinander und wandte sich dann wieder Kerike zu. Ljudmila kümmerte sich um den gesamten Haushalt und pflegte hinter dem Haus einen beachtlichen Kräuter- und Gemüsegarten. Ihr Wissen, was vor allem auch die einheimischen Pflanzen betraf, war umfassend genug, um Jayce‘ Arbeit mit dem einen oder anderen Mittelchen gezielt unterstützen zu können. Zudem verstand sie sich auch ein wenig auf die Kräuterheilkunde – und natürlich die unverwechselbaren Aromen, die sie mit deren Hilfe ihren Speisen entlocken konnte. „Kümmere dich gut um sie, Ljudmila – Kerike wird für eine Weile unser Gast sein. Sie soll sich wie zuhause fühlen.“

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