Laura J.: Der Feind in mir

Laura schnaubte und funkelte ihn ärgerlich an. „Du hast gut reden. Erschaffe dir eine Welt – klar doch! Mir scheint, du hast genauso wenig Ahnung von Menschen, wie wir von Magiern! Für uns ist das alles nicht so leicht wie du es hinstellst! Wir stecken in unseren Körpern fest, wir haben Bedürfnisse, wir haben Gefühle. Und wir sind von fester Materie umgeben, die wir nicht einfach mal eben durchdringen oder umformen können, wenn es uns einfällt. Uns fehlt nun einmal etwas Wesentliches, das uns vom Fluss abschneidet. Das hat nichts mit der obersten Existenz zu tun, sondern einfach nur mit Realismus! Mit deiner Magie hast du ein Werkzeug, zu erschaffen, ich aber nicht. Ja, gut, ich kann diese mordlüsterne Bestie, die bei Vollmond die Kontrolle über mich übernimmt, vielleicht irgendwann auch einmal mit anderen Augen sehen, wenn ich dazu gezwungen bin, und das bin ich ja offensichtlich, weil du mir wieder einmal nicht helfen willst! Und um genau zu sein: Dann muss ich sie irgendwann einmal aus einer neuen Perspektive sehen, denn anders kann ich nicht mit ihr leben! Du hast den Hass nicht gefühlt, der in diesem Wesen wohnt, du hast nicht jedes anderen Lebewesen panisch davon laufen sehen, wann immer diese strahlenden Vollmondaugen es gestreift haben. Dieser Wolf hat meine ganze Existenz auf den Kopf gestellt! Er stellt alles in Frage, was mir jemals etwas bedeutet hat! Er macht mich zum Gegenteil dessen, was ich sein will, was ich immer sein wollte! Ja, ich habe viel durchgestanden, aber jetzt frage ich mich, wofür? Mein ganzes verdammtes Leben scheint plötzlich nur noch eine Lüge zu sein! Erst recht, seit ich dich kenne! Und mach mir nicht weis, dass du das verstehst, Magier! Es gibt da nämlich eine Sache, die dir fehlt: Begrenzung. Ebenso, wie mir diese eine Sache fehlt, um sie zu überwinden – Magie.“

Sie seufzte und zog die Schultern hoch, als sie einen Blick auf die Ameise warf. „Natürlich hast du recht, wenn man die Relationen zueinander sieht, aber das macht doch nur den großen Unterschied deutlicher. Ich kann der Ameise auch nicht Tipps geben, ihr Ameisenleben mit meinen Menschenaugen zu sehen und durch meine Menschenfähigkeiten ihre Probleme zu lösen.“ Dann erwiderte sie seinen Blick ein paar Atemzüge lang, ohne weiterzusprechen. „Ich werde schon gejagt, weil ich manchmal nachts durch die Straßen irre und mich hinterher nicht mehr daran erinnern kann. Denkst du wirklich, das alles einfach hinzunehmen, ist für mich eine Lösung? Oder auch nur eine Motivation, mich mit der Bestie in mir anzufreunden?“, sagte sie schließlich ruhiger. Auch wenn sie es mit keinem Wort zugab, stimmte das, was er gesagt hatte, sie doch nachdenklich. „Weißt du … vermutlich habe ich nur deshalb zugestimmt, als deine Chosen One in einen so irrwitzigen Kampf zu gehen, weil ich ohnehin lebensmüde bin. Am Ende hat es somit wenigstens irgend einen Sinn gemacht.“ Laura riss den Blick von ihm los und legte die Karten auf den Tisch. „Und jetzt bring mir ein paar Tricks bei!“

Geryon: Wahre Liebe

„… uuuund weissu wash? D-der …“ Ich rülpste lautstark, als ich aus der Schenke taumelte. „… beeschissener … Wellengang mal wieder …“, meinte ich zu meinem imaginären Kumpel, denn entgegen meiner Überzeugung war mir niemand aus dem Inneren gefolgt. Nein, ganz im Gegenteil, in der Schenke ging es mittlerweile erst richtig hoch her; grölendes Gelächter und derbe Sprüche wehten auf die Straße – oder besser gesagt den aufgeweichten Trampelpfad vor dem Haus heraus, zusammen mit einer Welle übler Gerüche. Kohleintopf machte sich nicht gut, wenn man ihn mit einem halben Fass billigem Fusel mischte, und dann auch noch dieser eklige Gestank nach Schweinescheiße … „Ich w… wundere mich eeeernshthafs, dassh die dash Dr-reckshloch noch nish ssujegmacht haben!“, ließ ich verlauten, während ich mich an der nächsten Straßenlaterne gerade noch abfing. Scheiße, ich konnte mich gerade irgendwie nicht mehr daran erinnern, wie ich überhaupt auf das Schiff gekommen war. Geschweige denn, wann dieser üble Seegang aufgekommen war, man konnte sich ja kaum auf den Beinen halten! Und immer diese Schwerkraft, die einem dazwischen funkte, wenn man einfach nur mal eben von A nach B wollte! „V-vom …“ Diesmal hielt ich mir den mit Dreck verschmierten Arm vor den Mund, als ich lauthals rülpste und dann in einen donnernden Schluckauf verfiel. Ich besaß schließlich Manieren! „… B-bug ssum … Heck“, nickte ich wild und umarmte einen Moment später innig meinen imaginären Freund, die … Pferdetränke.

Hoppala, da war ich wohl doch noch über meine eigenen Füße gestolpert, hatte dabei ja aber doch ein, ahm … herabhängendes Segel, jawohl, also ein Segel erwischt, nur dass das Mistding irgendwie viel zu schnell nachgab. Verdammt, außerdem stank es sogar an der frischen Seeluft erbärmlich! „Sscheiße. W-wie reine Kacke.“ Obwohl … Halt! Langsam hob ich den Blick, schickte ihn über ein Paar eigentlich doch äußerst dufte Beine, einen schlanken Körper und … Moment mal. Das musste jetzt wirklich Einbildung sein. Auf einem Schiff gab es nichts, was so köstlich nach Weibchen roch, nicht einmal die Huren, denn die stanken genauso erbärmlich wie der Kohleintopf, gemischt mit ranziger Muschi, was in etwa der Schweinescheiße gleichkam. Ich steckte den Kopf kurzerhand ins eiskalte Wasser; was mir unvermittelt den Schock fürs Leben verpasste, so dass ich nur Momente später prustend wieder auftauchte und mich schüttelte wie ein nasser Hund. „Oh.“ Schnell kämpfte ich mich zurück auf die Beine, als ich verschwommen feststellte, dass das Weibchen sich immer noch nicht in Luft aufgelöst hatte, und dass ich es gerade so richtig erfrischend und wohltätig meinen feinen, total überstrapazierten Geruchssinn streichelnd fand. Jetzt wo der Gestank nach Schweinedreck ein wenig nachgelassen hatte, umrundete ich sie schwankend, ein breites Grinsen auf den Lippen, wobei ich es sehr schade fand, unter der Kapuze kein Gesicht erkennen zu können. „W-wash me-eine …“ Mein Schluckauf war jetzt noch wilder geworden, so dass mich das Hicksen bei beinah jeder Silbe unterbrach und ich dabei wieder bedenklich ins Wanken geriet. „… hi-hin-reißhen-den, fass-assinie-ren… den … A-Augen nicht W-wundersh-shamesh … er-blicken!“ Poesie war immer schon mein Steckenpferd gewesen. Und meine tiefblauen Augen waren wirklich faszinierend. Man konnte in ihnen ertrinken. Oh ja. Und wenn ich sie ganz groß machte und ganz treuherzig guckte, dann … dann … hatte ich quasi schon gewonnen! Ich hatte es eben einfach drauf, die Frauen lagen mir zu Füßen! Alle! „Oh ho-holde … M-Maid … sho blei-ibt doch … sh-shteh’n!“ Schon griff ich nach ihrem Arm, als sie sich abwandte und fortgehen wollte, wobei ich etwas zu spät merkte, dass die schnelle Bewegung mich praktisch von den Füßen riss und … ich mit beinah meinem vollem Gewicht gegen – oder besser gesagt auf die junge Dame stürzte.

 

[Geryon trifft Ariel; nach einem feuchtfröhlichen Abgang aus der Dorfschenke und einer kurzen, aber innigen Bekanntschaft mit einem Haufen Schweine-Exkremente. *16./17.11.2015]

Jazminka: Totgeburt

Er sieht zu mir herüber. Immer wieder sieht er mich an und es gefällt mir, wie ich seine Aufmerksamkeit auf mich lenken kann. Er ist unkonzentriert, hört dem Mann kaum zu, der gerade mit ihm spricht. Ich halte seinem Blick einen Moment lang stand, dann schlage ich die Augen nieder. Ich weiß, dass er mich noch immer ansieht, ich kann es fühlen. Ich schiebe die Beine ein wenig auseinander, bis mein Rock sich über den Oberschenkeln spannt und falte die Hände in meinem Schoß. Meine Füße trommeln sacht gegen ein Bein des Tisches, auf dem ich sitze. Er geht dicht an mir vorbei und gibt vor, keinerlei Notiz von mir zu nehmen. Aber ich weiß es besser. Er interessiert sich im Moment für keine der anderen und außer ihm interessiert sich niemand für mich. Ich lege den Kopf in den Nacken, drücke den Oberkörper durch und löse das Band aus meinem Haar. Langsam fasse ich es wieder zusammen, bändige die dunklen Strähnen zu einem neuen Zopf. Plötzlich kommt er direkt auf mich zu. Ich sehe ihn an, warte, bis sich unsere Blicke wieder treffen. Er sieht ärgerlich aus, fast so, als wollte er mich jetzt schlagen. Mein Magen zieht sich zusammen, mein Herz rast vom Adrenalin. Ich bin süchtig nach diesem Spiel, es ist aufregender als alles andere, was ich kenne. Heute spiele ich es nicht zum ersten Mal; es ist wie ein kleines Geheimnis zwischen uns beiden, zwischen mir und ihm. Aber ich habe noch nie so lange gewartet wie heute, ehe ich geflüchtet bin. Kurz bevor er mich erreicht, springe ich auf und laufe lachend zu meinen Freundinnen. Ich kann seinen Blick im Rücken spüren, als er mir nachsieht. Und noch etwas anderes, etwas, von dem mir die anderen Mädchen nichts gesagt haben. Es ist wie ein Prickeln im Nacken; ich kann seine Erregung fast körperlich spüren, wenn er mir so nah kommt. Sie füllt mich mit einer sonderbaren Kraft, so als würden Funken zwischen meinen Fingerspitzen tanzen.

*****

Tiefe Schatten liegen zwischen den Bäumen; ich kann kaum noch die Hand vor Augen sehen, aber ich fürchte mich nicht. Es ist eine kleine Mutprobe, mit der die Jungs uns Mädchen am Rande des Dorffestes aufziehen wollen. Der kleine Korb baumelt locker in meiner Hand, ich springe leichtfüßig den schmalen Pfad entlang, den ich auch ohne das Tageslicht gut genug kenne, um mich nicht zu verlaufen. Unweit vor mir glüht etwas Kleines still in der Dunkelheit auf und als ich den Atem anhalte, kann ich das leise Surren des Flügelschlags hören. Ich muss nur eines dieser Sommer-Irrlichter einfangen, dann habe ich den Test bestanden und es den Jungs endgültig gezeigt. Aus der Ferne höre ich Gelächter herüber schwappen, es ist schon spät in der Nacht und die meisten Dorfbewohner sind betrunken. Plötzlich vernehme ich Schritte hinter mir; kleine Kiesel knirschen unter schwerem Gang. Ich gehe schneller, tiefer in den Wald hinein und das kleine Irrlicht erlischt erschrocken, als ich in dessen Nähe komme. Die Schritte nähern sich, auch sie sind schneller geworden. Ich höre meinen eigenen Herzschlag trommeln. Ich habe nun doch Angst. Aber dann bleibe ich stehen, drehe mich ganz plötzlich um, rechne damit, dass einer der Jungs sich einen Scherz mit mir erlaubt, um mir die Aufgabe zu erschweren. Ich werd’s ihm zeigen! Aber es ist keiner meiner Freunde; der weitaus ältere Mann, dem ich mich gegenüber finde, hat diese hungrigen Augen. Ich kenne sie, und auch diesmal erwidere ich seinen Blick, fast ein wenig erleichtert, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Aber jetzt fühlt es sich vollkommen anders an. Er kommt näher, schwankt dabei. Er scheint betrunken zu sein. Ich senke den Blick und weiche ihm aus, will an ihm vorbei, zurück ins Dorf. Ich will ihn heute lieber nicht reizen, er sieht so schon ziemlich gefährlich aus, wie ein Raubtier auf der Jagd. Immer noch spricht keiner von uns ein Wort. Fast bin ich an ihm vorbei, da packt er mich an der Taille. Ich lasse den Korb fallen, versuche mich seinem Griff zu entziehen. Sein Atem riecht nach billigem Schnaps, ich kann ihn keuchen hören. Meine Kehle ist wie zugeschnürt; ich bringe keinen Ton hervor, und als ich endlich schreien will, hat er mich längst zu Boden geworfen und presst mir seine Hand auf den Mund, dass mir die Luft wegbleibt. Stunden später ergießt sich die aufgehende Sonne über meine nackte Haut. Heißes Blut benetzt meine Schenkel und ein wütender Schmerz tobt in meinem Unterleib. Mein Kleid ist zerrissen, das Haarband verloren, die Fingernägel abgebrochen und die Kehle wund. Ich möchte nichts mehr fühlen, nie wieder.

*****

Sechs Monate später kann ich die Wölbung meines Bauches kaum noch verbergen. Ich trage die weiten Kleider meiner Mutter; sie weiß es und hilft mir. Aber ich spreche nicht mit ihr darüber, nenne ihr nicht den Namen des Mannes, der Vater dieses Kindes ist. Ich spreche mit niemandem darüber und habe mir geschworen, es nie zu tun. Immer noch schrubbe ich mir jeden Morgen und Abend den Dreck von der Haut, bis sie rot und aufgerieben ist. Ich fühle mich so beschmutzt, und diese vielen Blicke, die mich verfolgen, ich kann mich nicht vor ihnen verstecken. Ich weiß, dass sie es wissen, jeder kann den Dreck sehen, der an mir klebt. Warum sonst sollten sie mich so anstarren? Sie wissen es, aber sie schweigen, so wie ich auch. Ich hasse dieses Ding, das in meinem Bauch heranwächst. Vor ein paar Wochen wollte ich es loswerden, mit einem Stein habe ich auf es eingeschlagen und gehofft, dass sein Herz stehenbleibt. Es soll tot sein, wenn es geboren wird. Ich weiß, dass es seine Augen hat, und ich will sie niemals wieder sehen. Es ist auch so nicht einfach, ihm ständig aus dem Weg zu gehen, er ist im Dorf so präsent. Jeder kennt ihn, jeder spricht von ihm. Und doch schweigen sie alle, so wie ich auch. Ich muss fortgehen, fort von hier. Mutter wird mir helfen. Ich ertrage diese vielen Blicke nicht mehr, und schon bald wird man neben dem Schmutz auch noch den dicken Bauch sehen. Wir gehen in die Wildnis, dorthin, wo die Tiere die Nachgeburt fressen. Mutter wird dafür sorgen, dass ich dieses Ding, das aus mir herauskommt, niemals lieben muss. Ich will es nicht. Ich hasse es!

*****

Er hält mir eine Kette hin; der große, rote Stein, der vor meinem Gesicht hin und her schwingt, funkelt in der Sonne und zieht meinen Blick wie magisch an. Der Klunker muss ein Vermögen wert sein! Ich hebe den Kopf, sehe zu dem Mann auf, der vor mir steht. Er trägt feine Kleidung; seine polierten Schuhe glänzen fast so schön, wie der rote Stein. Ein lichter Haarkranz umgibt seine Halbglatze; sie sind zum größten Teil schon grau geworden. Er lächelt mich an; in seinen hellen Augen liegt dieser dunkle, hungrige Blick. Der Mann ist gut genährt und trägt so etwas wie einen gebogenen Degen an seinem Gürtel. Ich kann spüren, wie das Metall seines Eherings über meine Haut gleitet, als er mit seiner dicken Hand über mein Knie streicht. Kühl und glatt. Ich schiebe wie zufällig eine Hand unter meinen Rocksaum, reibe mit dem Daumen über meinen Schenkel, als würde ich mich dort kratzen, gedankenlos, den Blick nun wieder auf den kostbaren Stein geheftet. Ich weiß genau, was der Mann von mir will und ich kann seine Erregung spüren. Sie füllt mich mit einer eigenartigen Macht, fast so als würde ich sie trinken, doch das ändert nichts an dem schmerzhaften Kloß, der sich in meinem Magen zusammengeballt hat. Es wäre so einfach – ich müsste es nur irgendwie hinter mich bringen und die Kette würde mir gehören. Noch nie habe ich etwas so Wertvolles besessen. Ich könnte sie eintauschen, gegen mehr Brot, als ich überhaupt tragen kann, und Körbe voll von diesen wunderbaren süßen Beeren. Mein Herz schlägt schnell, ich spüre, wie die Angst in mir aufsteigt. Was, wenn ich nein sage? Wenn ich mich widersetze? Wird er sich dann nicht trotzdem holen, was er will? Hier ist kein Mensch, weit und breit. Zumindest keiner, der helfen würde oder auch nur etwas sagen. Aber die Kette würde er mir dann nicht geben. Ich weiß, was er von mir will, und dass es wehtun wird. Wahrscheinlich hat er eine Tochter in meinem Alter. „Wie ist dein Name, Mädchen?“, fragt der Mann und zieht die Hand mit der Kette weg, so dass ich wieder nach oben blicken muss, um sie zu sehen. Ich will diese Kette; ich könnte meinen leeren Magen monatelang mit Essen füllen, nur durch diesen einen, funkelnden Stein, der wahrscheinlich wertvoller ist, als ich es mir vorstellen kann. „Nun komm schon … zier dich nicht so.“ Er wird langsam ungeduldig, hört sich jetzt nicht mehr so freundlich an. Meine Chance entgleitet mir. Ich kann es schnell hinter mich bringen. Der Mann streckt die freie Hand nach mir aus und will, dass ich sie ergreife. Ich ziehe verlegen meinen Rocksaum zurecht und stehe auf. Männern wie ihm gefällt die Vorstellung, der Erste zu sein, und auf gewisse Weise ist er das auch. „Jazminka. Jazminka Borilova“, lüge ich nach einer Weile und rolle dabei das R mit meiner Zunge, wie es der Fürst angeblich tut. Ich habe ihn noch nie gesehen. Ich schiebe meine Hand in die Hand des reichen Mannes und gehe mit ihm, wohin er will.

Basmah: Finally coming home

Schon die erste Berührung von ihm riss mich augenblicklich aus der Vergangenheit und dem wirren angstvollen Konstrukt heraus, in das ich mich geflüchtet hatte und beförderte mich sanft aber unnachgiebig sofort zurück ins Hier und Jetzt. Mit einem Mal war die Kälte, die Angst und Unsicherheit wieder dieser alles umfangenden Wärme gewichen; war der Wolf ganz nah und alles andere als ein irres Hirngespinst. Für meine innere Wölfin war die Wahrheit, die hinter dieser Berührung steckte, das Einzige, was zählte. Sie dachte nicht nach, hing nicht in vergangenen Schrecken fest, fühlte weder Selbstverachtung, noch die Schmerzen und die Demütigungen, die schon längst hinter ihr lagen. Die Verbindung zu ihrem Alpha war jetzt greifbar, sie war ein unsichtbares und unwiderrufliches Band, intimer als jedes Wort, jeder Kuss, jede Umarmung. Und beständig. Sie war ein Band, das mehr ihrer und seiner Natur entsprach als es jede Distanz, jeder Zweifel, jede furchtsame Leugnung, die der Verstand mir einzureden versuchte, je sein könnte. Was Clay in mir hervorrief, waren Mut und Stärke, waren Wildheit und Treue, war eine Ergebenheit, die nichts mit Erniedrigung zu tun hatte, sondern mein wahres Wesen auf diese sanfte, unerschütterliche Weise ansprach, wie es nur der Alpha konnte. Er war hartnäckig, wie er mich in seine Arme zog, mich so lange festhielt, bis seine innere Ruhe und Zuversicht mich wie ein wärmender Strom füllte, meine Tränen versiegen und meinen Puls sowie meine Atmung ruhiger werden ließ. Jetzt konnte ich vergessen, für die Dauer langer Momente, Minuten, Stunden; ich wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis er mich zurück zu der Liege trug. Und ich konnte einfach zulassen, was zwischen uns war, ohne es auch nur einen Augenblick lang erneut in Frage zu stellen, ja, sogar ohne zu versuchen, es zu verstehen.

Schließlich war es sein Blick, waren es seine Hände, die mich festhielten, und der unerschütterliche Strom seiner Liebe, der mein Innerstes ausfüllte; mit ihrer puren Intensität jegliche Möglichkeit einer anderen Empfindung als diese aus vollem Herzen zu erwidern, einfach zurück drängte. Und die Wölfin in mir wollte nichts sehnlicher, als geweckt werden, aus dem Gefängnis ihrer menschlichen Gestalt befreit werden; mit ihm an ihrer Seite das Geschehene für immer hinter sich lassen. Mein ganzes Leben lang war mir eingeprügelt worden, dass ich nichts wert war, und doch hatte ich immer wieder einen Weg gefunden, wenigstens mir selbst zu beweisen, dass das nicht stimmte. Ich hatte mich aus meinen Fesseln befreit, auch wenn diese Freiheit immer nur vorübergehend war; hatte hart und still und heimlich darum gekämpft, mir die Lust am Leben zu bewahren. Und es war mir gelungen, entgegen aller Widrigkeiten. Bis zu diesem heutigen Tag. Bis zu dem Punkt, an dem mein Lebenswille eingebrochen war. Clay entfachte ihn, entfachte ihn neu, als er meine Hand auf sein Herz legte. Ich konnte es spüren, deutlicher und kräftiger denn je, wie es für mich schlug. „Ich habe mich nie wie eine von ihnen gefühlt …“, flüsterte ich, als sich meine Finger an seiner Brust zusammen zogen und sich über seinem Herzen in sein Hemd vergruben. „Vielleicht war und bin ich genauso wenig Mensch, wie du es bist, Clay … Die Wölfin war mir immer so viel näher … Sie … sie war es, die mir den Überlebenswillen gab; die Kraft immer weiter zu kämpfen. Ich … ich habe nie dazugehört, und dennoch fühlte ich mich immer mitschuldig für die Taten, für die sie Allahs Namen missbrauchten …“ Plötzlich zitterte ich, runzelte von einem furchtsamen Beben erfasst die Stirn und senkte meine Lider. „Hast du … es gesehen? Ich meine, hast du es … mitangesehen?“ Es verstrichen ein paar bange Momente, in denen ich seiner Antwort harrte. Dann biss ich mir leicht auf die Unterlippe, ließ kurz die Zungenspitze folgen, als ich den Blick hob und ihn vertrauensvoll in seinen legte. „Wird das von jetzt an immer so sein? Werde ich … dich immer in mir spüren?“ Ich erinnerte mich daran, dass er gesagt hatte, er hätte mein Leben an sich gebunden. Das machte mir Angst, vor allem, weil ich die volle Bedeutung dessen noch nicht annähernd verstand. Ich hatte nicht die geringste Ahnung davon, was für ein Wesen da wirklich in ihm wohnte und was dieser Mitternachtsstamm genau war, von dem er sprach. Aber eines wusste ich in diesem Moment mit unerschütterlicher Gewissheit: Dass ich ihm folgen wollte, egal wohin. Ich wollte ihm meine Liebe und meine Hingabe schenken und ihm folgen, weil er das einzige Zuhause war, das ich hatte. Ich wollte fort aus der Welt der Menschen, die mir immer so fremd gewesen war. „Ich will bei dir sein.“ Es war nur ein Hauchen, das über meine Lippen floss, als ich Stirn und Nase an seine lehnte. „Ich will vergessen … und ich will bei dir sein. Auf dieselbe Weise, wie du bei mir bist.“

Jayce: Vogelfänger

Normalerweise hatten Frauen von Jayce nicht mehr zu erwarten als eine einzelne, bedeutungslose Nacht. Er verließ sie meist noch im Morgengrauen, und wenn er sie überhaupt mit nach Hause genommen hatte, dann gab er noch im Hinausgehen Anweisungen, dafür zu sorgen, dass sie verschwunden waren, sobald die Sonne aufging. Das hatte einerseits damit zu tun, dass er keinerlei Interesse daran hatte, das bisschen Zeit, das ihm zwischendurch blieb, in eine hohle Beziehung zu investieren – auch, wenn es so mancher Frau vielleicht gefallen hätte. Die meisten aber waren sowieso nur darauf aus, ihre Trophäensammlung um einen besonders dicken Fang zu erweitern und das schnellstmöglich ihren Freundinnen zu erzählen, was Jayce in weiterer Folge wohl genau jenen einschlägigen Ruf einbrachte, der in der gesamten Damenwelt kursierte. Oft boten sie sich ihm auch schamlos an, um im unpassendsten Augenblick seine Gunst zu gewinnen: Versuchten ihn nach allen Regeln der Kunst dazu zu verführen, hier oder da ein Auge zuzudrücken, ein gutes Wort beim Fürsten einzulegen oder bei der nächsten Ratssitzung haarsträubende Vorschläge einzubringen. Er war nie darauf eingegangen; im Gegenteil, hatte es ihn doch dermaßen angeekelt, wieder einmal zu sehen, welche hässlichen Abgründe in jenen vorgetäuschten Schönheiten lauerten; welche schmutzigen Absichten hinter süß gehauchten Worten steckten. Eine hatte sein Bett sogar in Handschellen verlassen, nachdem sie versucht hatte, Jayce zum Komplizen für einen feigen Anschlag auf die Fürstengattin zu machen – sie hatte nie die Gelegenheit dazu gehabt, ihren nackten, scheinheiligen Körper wieder mit Kleidern zu bedecken.

Es war auch wahrlich nicht so, als hätte er nicht weit mehr als ein oder zweimal in diese Richtung gedacht, seit er Kerike kannte … Ganz besonders dann, wenn sich ihr zarter Körper so unbesonnen, so unverhofft sehnsüchtig an seinen schmiegte, ihr Haar seine Wange kitzelte und ihr eigentümlicher Duft ihn einhüllte. Aber Jayce war niemand, der sich von reinen Trieben steuern ließ. Sein Verstand saß immer noch im Kopf und nicht in der Hose. Und er hatte nicht vor, sich allzu sehr auf sie einzulassen, war eigentlich ohnehin schon ein wenig zu weit gegangen – denn er wusste, dass er sich das nicht leisten konnte. Was er von ihr wollte, war einzig und allein, dass sie in Sicherheit blieb, bis die Lage in der Stadt sich wieder einigermaßen entspannt hatte. Und was auch immer sie behaupten mochte – wenn ihre Sympathie zum Kommandanten sich draußen herum sprach, dann steckte sie in ernsthaften Schwierigkeiten. Zudem waren sie durch den Auftritt des Betrunkenen in der Schenke für seinen Geschmack etwas zu sehr in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten, was Kerike durchaus leicht zu einem begehrten Opfer machen konnte. Wenn Jayce zuließ, dass zwischen ihnen eine wirklich tiefe, emotionale Bindung entstand, dann machte er nicht nur sich selbst, sondern auch sie zur Zielscheibe für seine Feinde. Und das – nun, das hatte sie ganz einfach nicht verdient. Ja, wenn er wirklich anfing, darüber nachzudenken, dann bereute er es jetzt zutiefst, sie nicht von Anfang an einfach ignoriert zu haben. Aber es war unmöglich gewesen. Sie war so …

Er nickte lächelnd, als sie ihn fragend ansah und wartete, bis sie sich von dem Soldaten aus dem Sattel helfen hatte lassen, ehe er selbst abstieg und ihr langsam hinterher kam. Jayce ließ ihr Zeit für die Begeisterung, genoss es, wie die Emotionen ihre Züge zum Leuchten brachten. Ja, sie war wie ein flatternder, singender kleiner Vogel, dem die Flügel zu brechen unmöglich übers Herz zu bringen war. „Zu Befehl“, schmunzelte er, als sich die Tür wie von Zauberhand vor ihnen öffnete und Stefan, der Butler, in weiß behandschuhter Livree ihnen mit einer Verbeugung Platz zum Eintreten machte. „Willkommen, Herr Fergusson!“, begrüßte er Jayce mit ernster Miene, zauberte dann aber sogleich ein Lächeln auf seine Züge, als er sich Kerike zuwandte. „Einen wunderschönen guten Abend, die Dame“, galt ihr sodann sein freundlicher Gruß. „Guten Abend, Stefan“, erwiderte Jayce, während er Kerike ins Innere des Hauses folge und der Butler die Türen hinter ihnen wieder schloss. Sie fanden sich in einer weitläufigen Eingangshalle wieder; der auf Hochglanz polierte Steinboden, der eine ähnlich feine Maserung aufwies wie Marmor, war von roten Läufern durchzogen. Schwere Kerzenluster tauchten den Raum in goldenes Licht und an den Wänden spielte eine Unzahl von Reflexionen, wo auch immer die Flammen von den Bleiglastränen gebrochen wurden, die die Leuchten zierten.

Große Töpfe mit exotischen Pflanzen hauchten der Halle sattgrünes Leben ein und weit vor ihnen tat sich eine ausladende Treppe auf, die sowohl nach oben, als auch nach unten führte. Rechts und links befanden sich großzügige Korridore, durch die man weiter ins Innere des Hauses gelangte. „Nun … zum einen mit Stefan – er kümmert sich um alle Annehmlichkeiten und versteht zudem auch recht viel davon, das Haus handwerklich in Schuss zu halten.“ Jayce vefügte, gemessen an der Größe des Hauses, nur über einen kleinen Grundstock an Bediensteten, denn dadurch, dass er so gut wie nie zuhause war, fiel auch entsprechend selten mehr als das Nötigste an Arbeit an. „Und dann …“ Seine weiteren Worte erübrigten sich, oder gingen genau genommen schlicht unter, als eine rundliche, beschürzte ältere Frau mit pausbäckigem Gesicht und vom Leben geröteten Wangen die Kellertreppe heraufkam. Ihr pechschwarzes Haar hatte sie zu einem dicken Knoten auf dem Hinterkopf gebunden, der jedoch nie streng genug war, um die feinen Strähnen zurückzuhalten, die sich immer wieder lösten und ihr ins Gesicht fielen. Stahlblaue Augen leuchteten ihnen entgegen. „Miester Färgasson!„, rief sie erfreut aus und stellte einen Korb mit Kartoffeln eilig am Boden ab, ehe sie mit weit ausgebreiteten Armen auf Jayce und Kerike zukam, so, als wolle sie sie beide gleichzeitig in eine überschwängliche Umarmung schließen. „Wielkomen, wielkomen! Und cherzliches Wielkomen auch die entzieckende junge Dame!“ Jayce warf Kerike einen kurzen Blick zu und zwinkerte. In Anwesenheit von Ljudmila gelang es selbst ihm so gut wie nie, sich nicht von guter Laune anstecken zu lassen. Sie war eine typische russische Mamuschka, wie sie im Buche stand. Sie umarmte Jayce zwar dann doch nicht, sondern schenkte ihm nur ein breites Lächeln, ergriff aber sogleich Kerikes Hand mit ihren beiden schwieligen, runzeligen Händen und strahlte sie geradezu an, während ihr Blick einen verschwörerischen Zug annahm. „Chabe ich glieckliche Gefiehl gehabt in meine Bauch, Miester Färgasson wierd cheute Abend wieder kommen zurieck! Bin iech cheute gegangen und friesche Pielze gekauft, fier Waldgeschmack bei zarte Flaisch von große Kanienchen! Chat immer Chunger wenn kommt mit Be…“ Sie blinzelte, als sie bemerkte, dass sie wieder einmal schneller gesprochen als gedacht hatte und zog grinsend die Augenbrauen hoch, Kerikes Hand immer noch festhaltend. „Chast du sicher auch Chunger, klaine Dame, siehst du so knochelich aus wie chättest du lange nicht bekomen Flaisch zwischen chiebsche Zähnchen.“

„Kerike, wenn ich dir Ljudmila vorstellen darf – sie ist die gute Seele dieses Hauses und zudem bestimmt die aller-allerbeste Köchin der ganzen Stadt. Wann immer du etwas brauchst, wende dich an sie, denn in ihr stecken noch viel mehr Qualitäten, die man auf den ersten Blick gar nicht erwarten würde.“ Er grinste Ljudmila flüchtig an, als teilten die beiden ein paar Geheimnisse miteinander und wandte sich dann wieder Kerike zu. Ljudmila kümmerte sich um den gesamten Haushalt und pflegte hinter dem Haus einen beachtlichen Kräuter- und Gemüsegarten. Ihr Wissen, was vor allem auch die einheimischen Pflanzen betraf, war umfassend genug, um Jayce‘ Arbeit mit dem einen oder anderen Mittelchen gezielt unterstützen zu können. Zudem verstand sie sich auch ein wenig auf die Kräuterheilkunde – und natürlich die unverwechselbaren Aromen, die sie mit deren Hilfe ihren Speisen entlocken konnte. „Kümmere dich gut um sie, Ljudmila – Kerike wird für eine Weile unser Gast sein. Sie soll sich wie zuhause fühlen.“

Ethan: Geliebter Feind

In diesem Moment verachtete ich ihn. Ich verachtete Noah dafür, dass er meinem Schlag nicht auswich, obwohl ich ganz genau wusste, dass er es locker gekonnt hätte. Und am meisten Verachtung empfand ich dafür, dass er ihn einfach hinnahm, ohne ein Wort, und ohne auch nur Anstalten zu machen, sich zur Wehr zu setzen. Nein, das hier war nicht der Noah, den ich kannte. Ich konnte sehen, riechen, fühlen, wie er innerlich kurz vor der Explosion stand und sich trotzdem zurückhielt, und ich konnte nicht anders, als ihn dafür zu verachten. Zumindest … bis zu dem Moment, den ich nun ganz und gar nicht kommen sah, so wutsprühend wie ich ihm all meine Verachtung in Worten entgegen spuckte. Er sprang mich an wie ein entfesselter Berserker; ich hatte keine Chance, überhaupt zu reagieren oder auch nur überrascht zu sein, donnerte unter seinem brachialen Angriff mit Schwung auf den vereisten, von einer dünnen Schneeschicht bedeckten Boden, dass zu allen Seiten gefrorene Eiskristalle aufstoben. Bevor ich wusste, wie mir geschah, schlug seine Faust so dicht neben meinem Gesicht ein, dass ich den Luftzug wie einen Messerschnitt an meiner Wange spüren konnte.

Mir blieb für einen Moment die Luft weg, weshalb ich mich weder regen, noch dem irren Lachen nachgeben konnte, das mir plötzlich in die Kehle stieg. Heilige Scheiße … Ich hatte mich schon so daran gewöhnt, die Dinge mit meinen Fäusten zu klären, dass es fast eine Erleichterung war. Sollte er doch zuschlagen, sollte er mir doch Gründe liefern, zurückzuschlagen, denn das war verdammt nochmal etwas, womit ich bestens umgehen konnte! Ganz im Gegensatz zu den um Welten härteren Schlägen, die er jetzt mit Worten austeilte. Das … das war etwas, womit ich überhaupt nicht klar kam; das war etwas, was wirklich wehtat und was ich nicht einfach mit meinem Körper und zusammengebissenen Zähnen abfangen konnte. Und ich verstand … Mit einem Mal verstand ich jede einzelne Silbe, jedes Funkeln von Wut in Noahs Augen, jedes mühsam unterdrückte Beben von Schmerz in seiner Stimme. Hätte er mit einem Messer in meinen Eingeweiden gewühlt, es hätte nicht vernichtender sein können. Ich war mir so … so verflucht sicher gewesen, dass ich bereit war, bereit, jetzt endlich hinzusehen, mir das Leid anzusehen, das ich verschuldete, nachdem ich mehr als ein halbes Jahrhundert lang die Augen davor verschlossen hatte. Aber ich war es nicht; wäre vermutlich niemals bereit dafür gewesen. Wir beide wussten, wie Recht er mit dem hatte, was er mir an den Kopf warf – und wir beide wussten, dass die Wut, die er damit immer noch mehr in mir schürte, in Wahrheit mir selbst galt.

I. – Wiederkehr

„Du warst lange fort“, meint die Königin sanft, den Blick in die Ferne gerichtet. Sie gibt mir niemals das Gefühl, ihr zu etwas verpflichtet zu sein, niemals auch nur einen Hauch zuviel der Nähe. Und dennoch glaube ich einen leicht vorwurfsvollen Unterton in ihren Worten zu vernehmen. Silbrig spielt ihr langes Haar um die schmalen, dunkel verhüllten Schultern, ein stetiger, sachter Windstoß lässt sie nicht zur Ruhe kommen. „Trotzdem habe ich nie daran gezweifelt, dass du zurück kommst.“

Ich versuche angestrengt auszumachen, was sie wohl dort am Horizont sieht, was ihre Aufmerksamkeit wohl so sehr zu fesseln vermag, dass das Gefühl der trauten Zweisamkeit zwischen uns dieses Mal vollkommen ausbleibt. Ein wenig schmerzt es mich zwar, doch zieht dieser Schmerz schnell vorüber, wie ein flüchtiger Besucher; wie so viele vor ihm, seit ich wieder ganz bin. „Ich weiß nicht einmal genau, warum …“, antworte ich und wende mich ab, grabe wie früher die nackten Zehen in den nachtkühlen Sand und beobachte mich dabei. „Es fällt mir nicht leicht loszulassen, da ist so vieles, was mir lieb ist. Ich trauere um das Vergangene, obwohl ich ganz genau weiß, dass nur das Jetzt wirklich zählt … Dass es echt ist und früher vieles nur Lüge war. Ich habe es nicht besser gewusst.“ Plötzlich steckt mir ein dicker Kloß im Hals und schnürt mir die Luft ab, treibt mir die Tränen in die Augen und ich schäme mich für meine Schwäche. Es gäbe noch so viel zu sagen, ihr muss ich es doch erklären, wenigstens ihr! Doch ich bringe kein Wort hervor, wehre mich wütend gegen das Selbstmitleid.

Eine Hand legt sich auf meinen Arm, kalt ist sie, wie das Meer im Winter, und dennoch ist da endlich etwas Vertrautes in der Berührung. Sie schweigt und ich weiß, dass dieses Schweigen absolutes Verständnis bedeutet – ich kenne sie, doch sie kennt mich besser. Ich schlucke die Tränen herunter und lege die eigene Hand auf jene schmale, kalte, welche so zerbrechlich ist, dass ich sie kaum zu berühren wage. „Ich bin zuhause angekommen und kann es kaum ertragen. Was ich jetzt lebe, das habe ich immer nur geträumt, geschrieben, es waren Geschichten!“ Ich halte kurz inne, um mich zur Ruhe zu zwingen, ehe meine Stimme verräterisch zittert. Sie wird mich trotzdem durchschauen. Ich kann nicht anders, obwohl ich genau weiß, dass es vergebens ist. „Ich habe niemals wirklich daran geglaubt.“

Sie umarmt mich einfach, wortlos, so, als hätten wir alle Zeit der Welt, schweigt lange, haucht nur kalten Atem in mein wirres Haar. „Lass es einfach zu, lass es geschehen. Glaube daran, denn es ist Realität. Hör auf zu zweifeln, nur, weil du denkst, dass du dein Glück nicht verdienst. Lass los. Dir kann nichts passieren, du bist wohlbehütet und geliebt.“

Ich weiß nichts darauf zu sagen, bin tief getroffen und fühle mich gläsern wie immer unter ihrem Blick. Wir stehen lange schweigend im Mondlicht, innig umarmt wie ein Liebespaar und vermögen uns doch nicht mehr gegenseitig zu wärmen.

 

//20.05.2010, re-mastered 2015

Basmahs Traum I

Ich träumte …

Ich träumte, wie ich allein in weiter Ferne stand; sah auf mich herab, wie ich witternd den Kopf hob, die Ohren gegen den Wind drehte, lauschend, aufmerksam. Da war nichts, kein Hauch von Leben außer mir in jener unendlichen Weite; bis zum Horizont hin nur Sand und Hitze, Hitze und Sand. Wie eine heiße, sengende Lohe leckte eine um die andere Bö wild an mir, riss an meinem Fell, durchwühlte und verwirbelte es, peitschte mir die Wüste wie beißende Gischt ins Gesicht. Doch ich stand aufrecht, aufrecht und allein, trotzte dem wütenden, lebensfeindlichen Ansturm, die Pfoten tief im heißen Untergrund vergraben. Immer tiefer sank ich ein, doch mein Herz, meine Sinne waren wach und auf einen Punkt weit außerhalb der Szenerie fokussiert, wartend, regungslos, voller ungebrochener Zuversicht. Und dann schälte sich sein Umriss aus der flirrenden Hitze; langsam, unbeirrt in seiner ganzen kraftvollen und stolzen Eleganz kam er auf mich zu. Ich blickte ihm entgegen, senkte den Kopf erst, als er mich erreichte, seine Schnauze sich liebkosend in das Fell an meiner Schulter vergrub. Und schloss demütig die Augen.

Basmah: Seelensplitter

Er hatte gelächelt. Er… hatte mich angelächelt, noch im selben Moment, wo seine Augen brachen; wo mein purer, reiner, ungezügelter Hass seinen Körper mit Kugeln durchsetzte, das wertlose, niederträchtige Leben aus ihm herausfetzte, ihn zerstörte, ihn für alle Zeiten von dieser Erde tilgte, damit er nie, niemals wieder jemandem etwas antun, keine Frau mehr anfassen konnte. Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als dieses Lächeln, dieses triumphale Lächeln, mit dem Jay seinen letzten Atemzug tat, und das sich noch tiefer in mich einbrannte als seine Schläge, seine brutale Inbesitznahme; noch tiefer als das Brennen seines heißen Samens in meinem wunden Inneren. Es brannte sich tief in meine Seele. Ich hatte mir geschworen, nie wieder zum Opfer zu werden, mich niemals wieder so missbrauchen und erniedrigen zu lassen, und doch … doch hatte ich es zugelassen. Noch im Tod war seinem Gesicht deutlich anzusehen, dass er genau das bekommen hatte, was er gewollt hatte.

Ich würgte, als bittere Galle meine Kehle hoch stieg, würgte sie wieder hinunter, bebte und zitterte, mein Blick starr und schockgeweitet; konnte ihn nicht von dem lächelnden Gesicht des Mannes abwenden, der sich an mir vergangen hatte. Ich fuhr heftig zusammen, als sich warme Hände um meine legten, mir die Waffe abnahmen; eine dunkle, wohlbekannte Stimme sanft auf mich einredete. Mein Zittern verstärkte sich noch bei der behutsamen Berührung meines Gesichts; ich konnte nicht … konnte nicht denken, konnte mich nicht losreißen, konnte nichts anderes tun, als zu starren; dieses Lächeln, immer wieder dieses Lächeln, für die Ewigkeit konserviert. Instinktiv versteifte sich mein Körper, als ich schließlich hochgehoben wurde; diese Nähe, sie erinnerte mich, sie … bei Allah, ich konnte … konnte diese Nähe nicht ertragen, ich wollte … wollte … Den Blick immer noch auf Jays Züge fixiert, grub ich meine Finger in Clays Schulter, presste meine Handflächen gegen ihn, in dem halbherzigen Versuch, mich aus dieser viel zu körperlichen Nähe zu befreien, doch er drückte mich nur fester an sich, hielt mich, hielt mich zusammen, damit ich nicht in tausend Stücke zerbrach. Und dann … endlich, verschwand der Anblick des lächelnden Toten aus meinem Sichtfeld, und meine innere Wölfin erinnerte mich. Erinnerte mich an die Wärme, die mich umgab, den kraftvollen, schützenden Alpha, der mich auffing, das Einzige auf dieser Welt, das mir so nah war, so nah, dass es mich instinktiv immer wieder berührte; meiner verwundeten Seele ein Zuhause gab. Und ich weinte, als die Tränen endlich kamen, weinte bebend und zitternd und schluchzend, die Finger in Clays Hemd und mein Gesicht an seinem Hals vergaben.

Basmah: „… Mistkerl!“

Er … er konnte bei mir gar nichts erreichen, mit diesem Blick, gar nichts! Ich dachte ja überhaupt nicht daran, auch nur einen Augenblick lang nicht wütend auf ihn sein zu können, oder … oder eher zu wollen; ich dachte nicht, nein, nicht EINEN Herzschlag lang an die exotische graublaue Tiefe seiner Augen oder … – bei Allah! – … oder sogar die Weichheit seiner Lippen, um die herum sich diese viel zu verlockenden Lügen aus kleinen Grübchen bildeten, als er lächelte. Ich dachte an gar nichts davon, pah! Als könnte dieser ungehobelte Kerl mich mit solchen plumpen kleinen Tricks aus dem Konzept bringen! Einhaltung meiner Pflichten … Meine Sicherheit? Ich schnaubte. Mich hatte noch nie jemand vor irgendetwas beschützt, also konnte er getrost ganz schnell wieder seine dreckigen großen Pfoten von mir nehmen; als ob ich seinen Schutz nötig hätte, jetzt, wo mir praktisch schon alles zugestoßen war, was mir überhaupt passieren konnte – inklusive dieses … dieses … Und übrigens, dieses vibrierende, total un… unmenschliche, jawohl, dieses Knurren, das sich für einen Mann, der etwas auf sich hielt, überhaupt nicht gehörte und das meine innere Wölfin von Unruhe gepackt im Kreis tänzeln ließ, ausgerechnet jetzt – das konnte er sich auch sonstwo hinstecken!

Plötzlich ging ein Ruck durch ihn und ehe ich mich versah, hing ich wehrloser als noch zuvor über seiner Schulter, drückte ebendiese mir in den Bauch, dass mir vor Schreck Momente lang die Luft wegblieb und ich erstarrte, verstummte aber vor allen Dingen völlig. Das leise „Pling“ des Aufzugs, das von unserer Ankunft an der Erdoberfläche kündete, klang für mich fast ein bisschen schadenfroh, und dann vernahm ich eine zweite männliche Stimme, die von irgendwo genau dort herkam, wo sich jetzt mein Hinterteil befand! Ich spürte, wie sich das Blut heiß in meinen Wangen sammelte und sie zum Glühen, nein, geradezu zum Brennen brachte, und das nicht nur, weil ich kopfüber hing und bei jedem Schritt praktisch gezwungen – ja, gezwungen! – war, aus entsetzt geweiteten Augen direkt auf Chandlers unerhört gut geformte Rückansicht zu starren. Nein, es war die pure Scham, die mir die Röte ins Gesicht trieb, dicht gefolgt von einer unbändigen Wut, die mich nur noch mehr beschämte. Wie konnte er nur! Wie konnte er mich nur auf eine so unzüchtige Weise vor aller Welt bloß stellen; mich in eine solch hilflose und unvorteilhafte Situation bringen? Ich versuchte, um keinen Preis daran zu denken, wie viele für mich unsichtbare Augenpaare gerade schon wieder auf mich gerichtet sein mochten, und noch viel weniger hatte ich vor, mich diesmal einfach so zu ergeben! Ich krallte meine Finger in seinen Rücken, und es war mir dabei egal, ob ich ihm wehtat. Obwohl … Moment. Nein, ich … ich wollte ihm wehtun, oh ja, ich würde ihn zerkratzen bis er blutete, und wenn das nicht reichte, dann würde ich außerdem beißen, würde ihm so lange wehtun und dabei mit den Füßen vor seinem Gesicht herum zappeln, bis er mich endlich runter ließ! Ich hasste ihn! Ja, ich … ich HASSTE IHN, diesen verdammten … „… قذر !!!“, entfuhr es mir, wobei meine Stimme zwar nur einem schneidenden Zischen glich, doch in Wahrheit nichts anderes als ein hörbares, wildes Zähnefletschen war.

Erschrocken biss ich mir auf die Unterlippe, als mir bewusst wurde, was mir da eben über die Lippen gekommen war, und fühlte, wie sich die Schamesröte auf meinen ohnehin schon signalrot leuchtenden Wangen noch weiter vertiefte. Vergessen waren die Schrecken, die dort unten im Bunker auf mich lauerten, vergessen die Angst, die Beklemmung, die erdrückende Panik, die mir die Luft zum Atmen abgeschnürt hatte. Jetzt gerade war Chandler der Inbegriff meiner persönlichen Schmach. Als ich endlich erkannte, dass es nur einen Weg gab, wieder aus dieser unendlich beschämenden Situation herauszukommen, weil ich sowieso nicht gegen seine Körperkraft ankam, hörte ich auf, mich gegen ihn zur Wehr zu setzen und atmete erschöpft durch. Tränen brannten mir in den Augen und inzwischen brannten auch meine Lippen, weil ich sie mir nahezu wund gebissen hatte, nur, um den ganzen Rest an Beschimpfungen gegen ihn nicht auch noch aus Versehen loszuwerden. Ich würde diesen Scheißkerl nie wieder, niemals wieder … – und zwar NIE! – auch nur eines Blickes würdigen, dessen konnte er sich sicher sein, oder ein einziges Wort mit ihm sprechen. Von mir aus konnte er sich in Luft auflösen, denn genau das würde er ab sofort für mich sein: Nichts als pure Luft. Und vollkommen unsichtbar. Luft konnte man übrigens auch nicht hören. Auf jeden Fall musste man ihr nicht zuhören, und deshalb konnte er sich aus seinen Anweisungen von mir aus ein Krönchen flechten. „Lassen Sie mich runter“, flüsterte ich schließlich kraftlos, und mein Puls hämmerte wild, dröhnte mir in den Ohren. „… bitte.“

( قذر [qaðir] – Mistkerl!)