Jayce: Für sie alle!

Kaum einer kannte die unterirdischen Tunnel und Gänge in und um Elysias so gut, wie der ehemalige Kommandant dieser Stadt. Und auch, wenn sich viel verändert hatte, seit Jayce vor über einem halben Jahr fortgegangen war, so waren diese doch geblieben – wenn nicht sogar noch weiter ausgebaut worden. Anders wäre es ihm wohl kaum gelungen, unbehelligt bis an die Stadtmauern heranzukommen und sich schließlich mit Simmons‘ Hilfe durch einen Seiteneingang Zugang zu verschaffen. Henry Simmons, diese treue Seele! Nicht nur dieses eine Mal wäre Jayce ohne seinen Freund und Landsmann wohl rettungslos verloren gewesen. Als Anführer von Jayce‘ persönlicher … nun, nennen wir es einmal ‚Leibwache‘, hatte Simmons schon immer enge Kontakte zur Stadtwache gepflegt und von Zeit zu Zeit auch die eine oder andere Einheit seiner Männer zur Unterstützung abgestellt, vor allem dann, wenn die Stadtwache nicht unbedingt unter eigenem Namen operieren wollte … Mehr musste man wohl nicht wissen, um zu verstehen, dass es ein Leichtes für Simmons war, unter anderem hier und da einmal Personen oder auch Dinge nach Elysias ein- oder auszuschleusen. Schon bei Kerike war er es gewesen, der inmitten gefährlichster Unruhen dafür gesorgt hatte, dass sie die Stadt unbeschadet hatte verlassen können. Hätte er es doch lieber nicht getan …

Doch das lag heute weit zurück und Jayce wusste sehr genau, dass er nicht Simmons die Schuld für Kerikes Verschwinden in die Schuhe schieben konnte. Genauso wenig, wie für die Ereignisse danach. Wie lange brauchte ein Mann Zeit für sich allein, um mit all diesen Dingen fertigzuwerden, um Antworten zu finden, die ihm wenigstens zum Weiterleben reichten? Wie lange brauchte ein Mann, um sich selbst zu vergeben; sich mit seiner Schuld zumindest soweit zu arrangieren, dass sie ihm nicht in jedem einzelnen Augenblick seines Lebens die Luft zum Atmen abschnürte? Wie lange brauchte ein Mann, um trotz des erdrückenden Gewichts der Gewissheit, des Unwiderruflichen, wieder aufrecht stehen zu können? Monat um Monat war ins Land gezogen, während Jayce verbissen und verzweifelt auf der Suche gewesen war, auf der Suche nach dem einzigen, kleinen Stückchen Wahrheit und unbedarfter Liebe in seinem Leben, welches ihm auf solch dramatische Weise abhanden gekommen war. Er selbst hatte alles zerstört, was je wirklich von Bedeutung gewesen war; nachdem er Kerike vertrieben und seinen Freund Abbas getötet hatte, von der Dämonin hämisch für all das verlacht, war seine ganz persönliche Niederlage besiegelt gewesen. Jayce war immer ein Mann mit Prinzipien gewesen; ein Mann mit einer harten Schale, loyal bis in den Tod. Um keinen Preis hätte er Elysias je im Stich lassen wollen, schon gar nicht auf jene Weise, wie es letztendlich doch geschehen war. Aber Kerike hatte den Panzer des Kommandanten aufgebrochen, sie hatte sein Herz freigelegt. Und all die Geschehnisse hatten ihm vor Augen geführt, dass er am Ende doch nur ein Mensch war. Schwach, verletzlich, schuldig. Und voller Zweifel.

Es war vermutlich nicht die beste Idee gewesen, nach Elysias zurückzukehren. Ganz besonders nicht nach allem, was er in den letzten Monaten gelernt und erfahren hatte. Jayce wusste, er setzte sein Leben aufs Spiel. Er brauchte sich nichts vorzumachen; dass Simmons immer noch zu ihm hielt, war reines Glück, und dafür war er mehr als nur dankbar, doch selbiges konnte er von sonst niemandem mehr erwarten. Allein in seiner eigenen Villa war er immer noch willkommen; Ljudmilas Wangen hatten vor Schreck und Freude zugleich wie reife Kirschen geleuchtet, als er nach Hause gekommen war. Sie hatte eine Schüssel mit dampfender Suppe fallen lassen und Jayce mit einem halb erstickten „Miester Färgasson!“ in ihre kräftigen Arme gezogen, dass ihm kurz die Luft weggeblieben war. Selbst der Butler Stefan tat immer noch unbeirrt seinen Dienst und auf seiner sonst so unbeweglichen Miene hatte sich gar ein Lächeln abgezeichnet, als er seinen Dienstherrn nach all der Zeit wieder begrüßen durfte. Simmons hatte sich während Jayce‘ Abwesenheit wirklich um alles gekümmert; selbst die von Vandalen eingeworfenen Fenster hatte er reparieren lassen, und es war beinah, als wäre er nie weggewesen.

Also hatte er sich ein paar Tage lang in seiner Villa aufgehalten; selbst den Garten betrat er eigentlich nur noch nachts, um nicht gesehen zu werden. Doch allen war klar, dass das nicht ewig so weitergehen konnte. So schön es auch war, von Ljudmilas Kochkünsten verwöhnt und durch ihre Herzlichkeit bemuttert zu werden, so schön auch all die Annehmlichkeiten waren, auf die er so viele Monate hatte verzichten müssen, das alles war nicht der Grund, weshalb Jayce zurück gekommen war. Geschützt hinter verhangenen Fenstern und von seinen Wachen, die auf dem gesamten Anwesen patrouillierten, konnte er sich vielleicht eine Weile vormachen, dass alles gut war – doch die Stille im Haus erinnerte ihn mehr als alles andere daran, dass das Ende der Geschichte noch lange nicht geschrieben war. Er hatte zu viel gesehen, zu viel erlebt auf seiner langen Suche nach Kerike, als dass er dieses Schweigen noch länger dulden konnte. Aus Jayce Fergusson war ein anderer Mann geworden; einer, der die Missstände nun wirklich kannte, der sie am eigenen Leib erfahren hatte und dessen Herz so viele hundert Male gebrochen war, dass er irgendwann beschlossen hatte, wieder aufzustehen und zu kämpfen. Mehr als jemals zuvor, für Kerike, für Abbas. Für sie alle.

Ethan & Tamsyn: Lüge!

Die Kopfschmerzen setzten wie das Amen im Gebet ein, ich blieb am Waldrand zurück, presste zwei Finger gegen die hämmernde Stirn. Scheiße! Nur langsam dämmerte mir, was ich da eigentlich gerade zu hören bekommen hatte – diese Frau war eine eiskalte Mörderin! Und ich … hatte natürlich nichts besseres zu tun, als sie zu trösten, ja, ihr sogar meine Hilfe bei weiß Gott was anzubieten. Jetzt hing ich mitten in der Scheiße mit drin, drauf und dran, mich zum Mittäter zu machen.  Und das alles nur, weil ich Frauen nicht weinen sehen konnte. Noahs unerwarteter Auftritt musste mir gehörig den Verstand vernebelt haben!

Ich blickte auf, als Tamys Stimme vom Haus her erklang. Diese Nacht? Diese eine Nacht? Verdammt, diese eine Stunde mit ihr war schon zu viel gewesen, ich … Eigentlich wollte ich das alles gar nicht wissen! Ich verfluchte mich innerlich für das, was ich angefangen hatte und jetzt würde ich einiges darum geben, ich hätte es nicht getan. Sie gehörte ganz eindeutig hinter Gitter, nicht hierher … Warum zum Teufel war sie überhaupt noch auf freiem Fuß? Selbst aus der Ferne konnte ich das leuchtende Türkisblau ihrer Augen erkennen, das vom Weinen gerötete, so bezaubernd schöne Gesicht. Mein Gott … Sah so eine Frau aus, die ihren Gefährten kaltblütig ermordet hatte? Und war ich wirklich so bescheuert, allein dieses Anblicks und des herzerweichenden Flehens in ihrer Stimme wegen darüber nachzudenken, ein sehr viel stärkeres Echo zu riskieren? Einmal ganz davon abgesehen, dass ich mich gerade selbst schon wie ein verdammter Verbrecher fühlte, nur weil ich jetzt wusste, was ich wusste.

Scheiße nochmal, das hier war eindeutig zu heiß für mich. Ich musste die Finger davon lassen! „Diese eine Nacht“, hörte ich mich sagen, als ich mich mit wummerndem Schädel in Bewegung setzte, um ihr ins Haus zu folgen. „Und nur diese eine.“ Denn morgen würde ich persönlich dafür sorgen, dass sie sich für das, was sie getan hatte, stellte.

*****

Mehr brauche ich nicht, dachte ich in dem Moment, als Ethan mir antwortete und ins Haus folgte.

Nur diese eine Nacht …  Lüge! Ich belog mich selbst in dem ich mir einzureden versuchte, diese eine Nacht würde reichen. Das würde es nicht. Niemals wieder würde eine Nacht reichen.

Ich ahnte nichts von seinen Gefühlen und Gedanken. Verschwendete keine Sekunde daran, dass es  zu viel für ihn sein könnte. ICH zu viel für ihn sein könnte. Vielleicht war ich egoistisch, aber …  hatte ich nicht auch ein Recht darauf einmal zur Ruhe zu kommen? Nur ein einziges Mal noch, bevor die Vergangenheit mich im Hier und Jetzt einholte? Wusste irgendjemand, wie es sich anfühlte, die Flut näher kommen zu sehen?  Unfähig sich zu bewegen; zu wissen, dass man gleich ertrinken würde. Jeden Moment ertrinken würde … Ich! Die Frau, die ihr ganzes Leben für das Wohl anderer gekämpft, die den hippokratischen Eid geleistet und nie etwas mehr in ihrem Leben angestrebt hatte, als Gerechtigkeit. ICH habe meinen Gefährten erschossen. „NEIN … es war … ein Unfall!“, rief ich meinen Gedanken laut aus, ohne mir dessen bewusst zu sein und stützte mich schwer atmend an der Hauswand ab. Kalter Schweiß trat auf meine Stirn, während mein Atem nur noch stoßweise ging. Es war wieder mal so weit. Meine Dämonen hatten mich eingeholt. Wie jede Nacht. Immer zur gleichen Zeit. Die Sicht verschwamm vor meinen Augen. Alles, was ich jetzt noch erkennen konnte, war das Gesicht meines Gefährten. Seine vor Überraschung und Schmerz geweiteten Augen. Dieser Blick … Niemals werde ich diesen letzten Blick wieder aus meinen Erinnerungen verbannen können. „Es … war ein Unfall …“, versuchte ich mir selbst einzureden. „Ein … Unfall!“, stammelte ich und rutschte langsam an der Wand nach unten. Auf dem Boden kniend, grub ich meine Finger fest in den gefrorenen Untergrund. Versuchte mich zu erden. Halt zu finden. „Hilf mir … bitte … Mach, dass es aufhört!“, flehte ich Ethan an. „Nur diese eine Nacht. Versprochen.“

Lüge…,  flüsterte die Stimme in meinem Kopf …

Lüge…  Du bist eine Lügnerin … Eine Verräterin …  Eine Mörderin …

[Textabschnitt (c) Nicol Stolze @ Tamsyn Matthew]

*****

Wenigstens hatte ich doch noch recht schnell gerafft, dass das Ganze hier eindeutig eine Nummer zu groß für mich war. Und genau deshalb würde ich mich schön sauber wieder aus der Affäre ziehen … spätestens bei Sonnenaufgang. Das einzig Richtige tun. Wenn Sie glaubte, ich würde einfach die Klappe halten; dass sie mich zum Komplizen machen konnte, dann hatte sich die Kleine ganz schön geschnitten, soviel war klar! Ja, vielleicht hätte sie mir diese ganze Sache nicht unbedingt erzählt, hätte ich nicht auf meine gedankenlos charmante Art ein bisschen nachgeholfen. Aber sollte ich deshalb nun etwa ein schlechtes Gewissen haben? Wie zum Henker hatte ich denn ahnen können, WAS da hinter der makellos schönen Fassade steckte, hinter diesen Augen …

Ein Unfall … Mein Gott, ich wurde die gedankliche Vorstellung in meinem Kopf nicht mehr los – sie hatte eiskalt auf ihn angelegt, hatte abgedrückt, wieder und wieder und wieder …  Meine Schritte beschleunigten sich von selbst, als ich sie verzweifelt an der Hausmauer zusammensinken sah. Ich konnte mir das einfach nicht mit ansehen! Vielleicht war doch etwas Wahres dran, vielleicht …  Zum Teufel, ich wollte ihr diese eine Nacht geben. Was war auch schon eine einzelne Nacht? Gar nichts. Und wenn es ihr diese paar Stunden lang Erleichterung verschaffte, dann war es doch irgendwie auch eine gute Tat, oder? Lüge …, flüsterte etwas in meinen Gedanken, das ich schnell wieder verdrängte, während ich mich zu ihr hinunter beugte, sie sanft hoch und schließlich auf meine Arme zog. Lügner. Warm drückte ich das zitternde Bündel an meine Brust, als ich sie ins Haus zurück trug.

Sean: So finster die Nacht …

Ich hielt mich schon den ganzen Abend im Hintergrund und war darauf bedacht, Cath möglichst viel Freiraum zu lassen. Wenn sie etwas brauchte, musste sie mich nur fragen und ansonsten verhielt ich mich schweigsam; saß auf einem Stuhl in einer unbeleuchteten Ecke, blätterte in der aktuellen Ausgabe des Forbes Magazine, eine schwere Beretta griffbereit im Brustholster und warf ab und zu einen Blick auf die sich schlaflos hin und her wälzende Frau im Bett neben mir. Die Tatsache, dass ich mich auf Kalebs Anweisung hin die ganze Zeit in ihrem privaten Wohnbereich aufhielt, um stets in ihrer Nähe zu sein, sollte möglichst nicht zu einer zusätzlichen Belastung für sie werden. Ich sah ihr nur zu deutlich an, wie sehr die Schwangerschaft an ihr zehrte; die dunkler werdenden Augenringe, der müde Blick und die fahle Farbe ihrer Haut sprachen in letzter Zeit für sich. Es schmerzte mich, sie so zu sehen – und nicht nur einmal hatte ich mich gefragt, ob ihr Körper zwei so dermaßen beschleunigte Schwangerschaften innerhalb kurzer Zeit überhaupt verkraften konnte.

Mein Blick folgte ihr besorgt, als sie schließlich aus dem Bett glitt und unruhig durch den Raum ging; das aufgeschlagene Heft auf meinem Schoß war vorübergehend vergessen. Doch Cath war eine ausgesprochen starke Frau, die bisher alle Herausforderungen gemeistert hatte. Es würde nicht mehr lange dauern, dann hätte sie auch die Geburt von Kalebs Sohn überstanden und konnte wieder zu Kräften kommen. Sogar jetzt, in diesem geschwächten und hochschwangeren Zustand, war sie wunderschön; ich konnte mir nicht vorstellen, dass es eine zweite Frau auf dieser Welt gab, die ihren Kugelbauch auch nur annähernd so anmutig vor sich her trug wie sie. Wie so oft ruhte mein Blick auf ihrer schmalen Silhouette, als sie reglos und mit dem Rücken zu mir am Fenster stand, sanft beschienen von den vielfältigen Lichtern der Nacht, die draußen über Boston lag. Dort, wo ihre warme Hand das Fenster berührte, beschlug es leicht und zeichnete so die Konturen ihrer viel zu knochigen Finger auf das Glas. Ich konnte ihre wachsende Anspannung beinah fühlen; nahezu greifbar schwebte sie in der nächtlichen Stille des Schlafzimmers. Und da war noch mehr; so vieles, was ich mit meinen vampirischen Sinnen wahrnahm, wenn ich es nur zuließ. Ihr schwacher, würziger Duft, der aufgewühlte Herzschlag; Atemzug um Atemzug, jeder davon fast ein wenig mühsam. „Wenn du hier bist … wer achtet dann da draußen auf meinen Gefährten, Sean …“, durchbrach Caths Stimme das Schweigen, und ich runzelte besorgt die Stirn.

Bereits seit Tagen versuchte ich, möglichst viel Gelassenheit auszustrahlen; ihr keinen auch nur geringen Anlass zur Sorge zu geben. Sie war hochschwanger und völlig erschöpft; jede Aufregung wäre pures Gift für sie und das ungeborene Kind. Aber das änderte alles nichts daran, dass ich ihr insgeheim zustimmen musste. Ich wusste, dass Kaleb im Augenblick an etwas sehr Großem dran war, etwas das, wenn heute Nacht alles gut ging, dem Orden einen ersten schweren Schlag mitten in die Weichteile versetzen würde. Wir hatten schließlich lange genug darauf hingearbeitet. Und dass ich hier war, anstatt mit ihm dort draußen zu sein; dass ich seine Gefährtin bewachte, hier, in einem Gebäude, das mit der ausgeklügeltsten Sicherheitstechnik in weitem Umkreis ausgestattet und somit jedem Hochsicherheitsgefängnis weit überlegen war, grenzte gewissermaßen an Paranoia. Und doch … An Kalebs Stelle hätte ich vermutlich auch nicht anders gehandelt. Ich erhob mich, legte die Zeitschrift beiseite und trat zu Cath. Meine Hand legte sich warm auf ihre Schulter und ich begegnete dem Blick ihres Spiegelbilds in der weitläufigen Glasfläche vor uns. „Mach dir keine Sorgen, Cath. Er hat seine besten Männer dabei, und er weiß sehr genau, was er tut.“

Ich trat zwei Schritte zurück, als sie sich zu mir umwandte; begegnete ihr mit einem zuversichtlichen Lächeln. Mein Gott, aus der Nähe erkannte ich erst, wie müde sie wirklich war. Kaleb sollte besser schon recht bald wieder zurück sein; sie brauchte sein Blut genauso sehr wie seine Anwesenheit, damit sie endlich für ein Weilchen zur Ruhe kam. Ich presste die Lippen aufeinander, während meine Aufmerksamkeit über die aschfahlen Züge der Frau vor mir glitt. Es war nicht das erste Mal, dass ich mir inständig wünschte, ihr beides geben zu können. „Was hat er dir gesagt, wo er heute Nacht ist?“ – Ich wich ihrem Blick aus, als sie näher kam und schüttelte langsam den Kopf. „Bitte, Cath, tu dir das nicht an.“ Doch sie ließ nicht locker. Natürlich wusste ich, wo er war – und ich wusste auch ganz genau, was er vorhatte. Vor allen Dingen aber war mir klar, mit wem er sich anlegte, und genau das war es, was meine sorgsam zur Schau gestellte Gelassenheit Lügen strafte. Ich sollte bei ihm sein. Aber gleichzeitig wollte ich auch nichts so sehr, wie hier bei Cath zu sein. Jemand musste schließlich auf sie achten, auch wenn es unwahrscheinlich war, dass sie hier im Tower in Gefahr geriet. Aber genauso gut konnte sie plötzlich die Wehen bekommen oder es konnte etwas mit dem Kind sein – oder aber sie brach endgültig unter der Erschöpfung zusammen, die sie so grausam zeichnete. Jemand musste sie auffangen, und dieser Jemand würde ich sein, solange Kaleb nicht in der Nähe war. „Er ist auf einer … etwas heiklen Mission“, antwortete ich ausweichend, aber so weit es ging, wahrheitsgemäß. Genauso wenig, wie ich mein Versprechen Kaleb gegenüber brechen wollte, wollte ich Cath ins Gesicht lügen müssen. „Aber wie gesagt, du musst dich nicht sorgen. Es ist alles von langer Hand geplant und vorbereitet. Er wird sich nicht mehr als unbedingt nötig in Gefahr begeben, schon allein, weil er weiß, dass du und sein ungeborenes Kind hier auf ihn wartet. Du kennst ihn doch – Kaleb überlässt nie irgendwas dem Zufall.“

Vermutlich redete ich mit diesen Worten eher mir selbst ein, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gab, aber hier und jetzt war einfach auch überhaupt kein Platz dafür, meine eigene innere Unrast nach außen dringen zu lassen. Alles, was Cath brauchte, war Ruhe und ein sicheres, stabiles Umfeld. Ich legte behutsam eine Hand zwischen ihre Schulterblätter, um sie mit sanfter Bestimmtheit zurück zum Bett zu führen. „Komm, Cath … setz dich doch wenigstens. Du siehst müde aus. Und hör auf, dich mit solchen Gedanken zu quälen. Kaleb ist doch bisher immer zu dir zurückgekehrt, warum sollte es ausgerechnet heute anders sein?“

Neferu-Ptah: Gebrandmarkt

So mochte allein das Wissen darüber, was von ihr erwartet wurde, Neferu-Ptah dazu zwingen, langsam zu nicken, nachdem Cheftu sie gefragt hatte, ob sie die Male sah und sie ballte ihre schmalen, kleinen Hände zu zittrigen Fäusten, während sie gegen die Furcht ankämpfte, den Körper aufrichtete und das Kinn hob, wie die Priesterinnen es sie gelehrt hatten. Trotz stieg mit einem Mal in ihr auf – sie konnte sowieso nicht fliehen, war gefangen wie ein Kaninchen in der Falle und von allen Seiten angestarrt. Dann würde sie es eben allen zeigen! Die kleine Herrin konnte nichts gegen die Angst ausrichten, die ihr die Knie weich werden ließ, doch sie würde sie um keinen Preis zeigen. Sie zog die Nase hoch und blinzelte die Tränen weg, dann folgte sie Cheftu, den Blick stur auf den Ifrit geheftet, als würde sie ihn als ihr unausweichliches Schicksal akzeptieren, auch, wenn sie schon jetzt wusste, dass sie ihn noch viel mehr fürchtete als Cheftu – und außerdem hasste sie ihn. Als würde der Dämon ihre Empfindungen erwidern, begann dieser plötzlich an seinen Ketten zu zerren und der gesamte Palast erzitterte erneut, nur, dass die kleine Herrin und alle Anwesenden sich nun im Epizentrum des Bebens befanden. Sie schrak trotz aller guten Vorsätze zurück, blieb stehen und rang sowohl um ihr Gleichgewicht, als auch um ihre Fassung, als die Angst ihr erneut die Kehle zuschnürte. Atme, kleine Herrin, konzentriere dich auf deine Atmung, erklang die Stimme der Hohepriesterin in ihrer Erinnerung und Neferu-Ptah klammerte sich an dieses kleine Ritual, von dem die Priesterinnen der Isis ihr gesagt hatten, sie könne jedesmal wieder darauf zurückgreifen, wann immer ihr ein Hindernis unüberwindbar erschien oder Furcht sie in ihren Entscheidungen einschränkte. Die tiefe Atmung in die Körpermitte hinein, dorthin, wo die Kraft der Sonne ruhte, stärkte und nährte den Körper, klärte den Geist und die Sicht auf die Dinge, so dass man mutig und frei voranschreiten konnte. Cheftus Warnung kam im selben Moment und die kleine Herrin nickte erneut langsam, dann ging sie entschlossen weiter.

Der Blick des Ifrit schien sich bis in Neferu-Ptahs noch kindliche Seele hineinzufressen und seine Worte dröhnten, grollten, loderten wie ein verzehrender und erschütternder Nachhall in ihr. Noch einmal wanderte der Blick der kleinen Herrin hilfesuchend gen Cheftu, als der Dämon von ihr verlangte, vor ihm niederzuknien. Es war nicht einfach für ein junges Mädchen, sich der herrischen Befehle eines solch machtvollen Wesens zu widersetzen und mit jedem Wort schürte er ihre Angst nur noch mehr, bis sie glaubte, ihr nicht mehr gewachsen zu sein. Doch Cheftu blieb unnachgiebig, ebenso wie der Dämon. Sie schluckte. Allein der Totenbeschwörer würde ihr Zittern spüren, sobald sie ebenfalls nach dem Brandeisen griff und sich über den tobenden Ifrit beugte, während Cheftu bereits die Formeln murmelte. Die kleine Herrin fühlte sich wie ein filigraner Zweig, welcher zwischen zwei Elementen erbarmungslos zerbrochen wurde. In all der Hitze perlte längst Schweiß auf ihrer Stirn und tränkte einzelne, samtig schwarze Haarsträhnen; gleichwohl aber war ihr tief im Innersten eiskalt. Am liebsten hätte sie die Hände hochgerissen und auf ihre Ohren gepresst, die Augen fest zugekniffen und sich vorgestellt, all dies hier sei nur ein übler Traum, aus dem sie jeden Moment wohlbehütet erwachen würde. Doch sie konnte, durfte es nicht. „Bleib stark, Prinzessin!“, hörte sie Amenemhet III. liebevoll und erfüllt von zufriedenem Stolz flüstern, als das Eisen sich qualmend in die Brust des Ifrit brannte, zugleich mit dessen Blick, einem glutvollen Dolch gleich, dunkler noch als des Mädchens eigene furchterfüllte Schwärze, der widerstandslos Neferu-Ptahs Seelenspiegel durchstach und sie von innen heraus zu entflammen schien. Es mochte der Moment sein, in dem die kleine Herrin ihre Kindheit und Unschuld endgültig und für immer hinter sich ließ.

Laura J.: Der Feind in mir

Laura schnaubte und funkelte ihn ärgerlich an. „Du hast gut reden. Erschaffe dir eine Welt – klar doch! Mir scheint, du hast genauso wenig Ahnung von Menschen, wie wir von Magiern! Für uns ist das alles nicht so leicht wie du es hinstellst! Wir stecken in unseren Körpern fest, wir haben Bedürfnisse, wir haben Gefühle. Und wir sind von fester Materie umgeben, die wir nicht einfach mal eben durchdringen oder umformen können, wenn es uns einfällt. Uns fehlt nun einmal etwas Wesentliches, das uns vom Fluss abschneidet. Das hat nichts mit der obersten Existenz zu tun, sondern einfach nur mit Realismus! Mit deiner Magie hast du ein Werkzeug, zu erschaffen, ich aber nicht. Ja, gut, ich kann diese mordlüsterne Bestie, die bei Vollmond die Kontrolle über mich übernimmt, vielleicht irgendwann auch einmal mit anderen Augen sehen, wenn ich dazu gezwungen bin, und das bin ich ja offensichtlich, weil du mir wieder einmal nicht helfen willst! Und um genau zu sein: Dann muss ich sie irgendwann einmal aus einer neuen Perspektive sehen, denn anders kann ich nicht mit ihr leben! Du hast den Hass nicht gefühlt, der in diesem Wesen wohnt, du hast nicht jedes anderen Lebewesen panisch davon laufen sehen, wann immer diese strahlenden Vollmondaugen es gestreift haben. Dieser Wolf hat meine ganze Existenz auf den Kopf gestellt! Er stellt alles in Frage, was mir jemals etwas bedeutet hat! Er macht mich zum Gegenteil dessen, was ich sein will, was ich immer sein wollte! Ja, ich habe viel durchgestanden, aber jetzt frage ich mich, wofür? Mein ganzes verdammtes Leben scheint plötzlich nur noch eine Lüge zu sein! Erst recht, seit ich dich kenne! Und mach mir nicht weis, dass du das verstehst, Magier! Es gibt da nämlich eine Sache, die dir fehlt: Begrenzung. Ebenso, wie mir diese eine Sache fehlt, um sie zu überwinden – Magie.“

Sie seufzte und zog die Schultern hoch, als sie einen Blick auf die Ameise warf. „Natürlich hast du recht, wenn man die Relationen zueinander sieht, aber das macht doch nur den großen Unterschied deutlicher. Ich kann der Ameise auch nicht Tipps geben, ihr Ameisenleben mit meinen Menschenaugen zu sehen und durch meine Menschenfähigkeiten ihre Probleme zu lösen.“ Dann erwiderte sie seinen Blick ein paar Atemzüge lang, ohne weiterzusprechen. „Ich werde schon gejagt, weil ich manchmal nachts durch die Straßen irre und mich hinterher nicht mehr daran erinnern kann. Denkst du wirklich, das alles einfach hinzunehmen, ist für mich eine Lösung? Oder auch nur eine Motivation, mich mit der Bestie in mir anzufreunden?“, sagte sie schließlich ruhiger. Auch wenn sie es mit keinem Wort zugab, stimmte das, was er gesagt hatte, sie doch nachdenklich. „Weißt du … vermutlich habe ich nur deshalb zugestimmt, als deine Chosen One in einen so irrwitzigen Kampf zu gehen, weil ich ohnehin lebensmüde bin. Am Ende hat es somit wenigstens irgend einen Sinn gemacht.“ Laura riss den Blick von ihm los und legte die Karten auf den Tisch. „Und jetzt bring mir ein paar Tricks bei!“

Jazminka: Totgeburt

Er sieht zu mir herüber. Immer wieder sieht er mich an und es gefällt mir, wie ich seine Aufmerksamkeit auf mich lenken kann. Er ist unkonzentriert, hört dem Mann kaum zu, der gerade mit ihm spricht. Ich halte seinem Blick einen Moment lang stand, dann schlage ich die Augen nieder. Ich weiß, dass er mich noch immer ansieht, ich kann es fühlen. Ich schiebe die Beine ein wenig auseinander, bis mein Rock sich über den Oberschenkeln spannt und falte die Hände in meinem Schoß. Meine Füße trommeln sacht gegen ein Bein des Tisches, auf dem ich sitze. Er geht dicht an mir vorbei und gibt vor, keinerlei Notiz von mir zu nehmen. Aber ich weiß es besser. Er interessiert sich im Moment für keine der anderen und außer ihm interessiert sich niemand für mich. Ich lege den Kopf in den Nacken, drücke den Oberkörper durch und löse das Band aus meinem Haar. Langsam fasse ich es wieder zusammen, bändige die dunklen Strähnen zu einem neuen Zopf. Plötzlich kommt er direkt auf mich zu. Ich sehe ihn an, warte, bis sich unsere Blicke wieder treffen. Er sieht ärgerlich aus, fast so, als wollte er mich jetzt schlagen. Mein Magen zieht sich zusammen, mein Herz rast vom Adrenalin. Ich bin süchtig nach diesem Spiel, es ist aufregender als alles andere, was ich kenne. Heute spiele ich es nicht zum ersten Mal; es ist wie ein kleines Geheimnis zwischen uns beiden, zwischen mir und ihm. Aber ich habe noch nie so lange gewartet wie heute, ehe ich geflüchtet bin. Kurz bevor er mich erreicht, springe ich auf und laufe lachend zu meinen Freundinnen. Ich kann seinen Blick im Rücken spüren, als er mir nachsieht. Und noch etwas anderes, etwas, von dem mir die anderen Mädchen nichts gesagt haben. Es ist wie ein Prickeln im Nacken; ich kann seine Erregung fast körperlich spüren, wenn er mir so nah kommt. Sie füllt mich mit einer sonderbaren Kraft, so als würden Funken zwischen meinen Fingerspitzen tanzen.

*****

Tiefe Schatten liegen zwischen den Bäumen; ich kann kaum noch die Hand vor Augen sehen, aber ich fürchte mich nicht. Es ist eine kleine Mutprobe, mit der die Jungs uns Mädchen am Rande des Dorffestes aufziehen wollen. Der kleine Korb baumelt locker in meiner Hand, ich springe leichtfüßig den schmalen Pfad entlang, den ich auch ohne das Tageslicht gut genug kenne, um mich nicht zu verlaufen. Unweit vor mir glüht etwas Kleines still in der Dunkelheit auf und als ich den Atem anhalte, kann ich das leise Surren des Flügelschlags hören. Ich muss nur eines dieser Sommer-Irrlichter einfangen, dann habe ich den Test bestanden und es den Jungs endgültig gezeigt. Aus der Ferne höre ich Gelächter herüber schwappen, es ist schon spät in der Nacht und die meisten Dorfbewohner sind betrunken. Plötzlich vernehme ich Schritte hinter mir; kleine Kiesel knirschen unter schwerem Gang. Ich gehe schneller, tiefer in den Wald hinein und das kleine Irrlicht erlischt erschrocken, als ich in dessen Nähe komme. Die Schritte nähern sich, auch sie sind schneller geworden. Ich höre meinen eigenen Herzschlag trommeln. Ich habe nun doch Angst. Aber dann bleibe ich stehen, drehe mich ganz plötzlich um, rechne damit, dass einer der Jungs sich einen Scherz mit mir erlaubt, um mir die Aufgabe zu erschweren. Ich werd’s ihm zeigen! Aber es ist keiner meiner Freunde; der weitaus ältere Mann, dem ich mich gegenüber finde, hat diese hungrigen Augen. Ich kenne sie, und auch diesmal erwidere ich seinen Blick, fast ein wenig erleichtert, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Aber jetzt fühlt es sich vollkommen anders an. Er kommt näher, schwankt dabei. Er scheint betrunken zu sein. Ich senke den Blick und weiche ihm aus, will an ihm vorbei, zurück ins Dorf. Ich will ihn heute lieber nicht reizen, er sieht so schon ziemlich gefährlich aus, wie ein Raubtier auf der Jagd. Immer noch spricht keiner von uns ein Wort. Fast bin ich an ihm vorbei, da packt er mich an der Taille. Ich lasse den Korb fallen, versuche mich seinem Griff zu entziehen. Sein Atem riecht nach billigem Schnaps, ich kann ihn keuchen hören. Meine Kehle ist wie zugeschnürt; ich bringe keinen Ton hervor, und als ich endlich schreien will, hat er mich längst zu Boden geworfen und presst mir seine Hand auf den Mund, dass mir die Luft wegbleibt. Stunden später ergießt sich die aufgehende Sonne über meine nackte Haut. Heißes Blut benetzt meine Schenkel und ein wütender Schmerz tobt in meinem Unterleib. Mein Kleid ist zerrissen, das Haarband verloren, die Fingernägel abgebrochen und die Kehle wund. Ich möchte nichts mehr fühlen, nie wieder.

*****

Sechs Monate später kann ich die Wölbung meines Bauches kaum noch verbergen. Ich trage die weiten Kleider meiner Mutter; sie weiß es und hilft mir. Aber ich spreche nicht mit ihr darüber, nenne ihr nicht den Namen des Mannes, der Vater dieses Kindes ist. Ich spreche mit niemandem darüber und habe mir geschworen, es nie zu tun. Immer noch schrubbe ich mir jeden Morgen und Abend den Dreck von der Haut, bis sie rot und aufgerieben ist. Ich fühle mich so beschmutzt, und diese vielen Blicke, die mich verfolgen, ich kann mich nicht vor ihnen verstecken. Ich weiß, dass sie es wissen, jeder kann den Dreck sehen, der an mir klebt. Warum sonst sollten sie mich so anstarren? Sie wissen es, aber sie schweigen, so wie ich auch. Ich hasse dieses Ding, das in meinem Bauch heranwächst. Vor ein paar Wochen wollte ich es loswerden, mit einem Stein habe ich auf es eingeschlagen und gehofft, dass sein Herz stehenbleibt. Es soll tot sein, wenn es geboren wird. Ich weiß, dass es seine Augen hat, und ich will sie niemals wieder sehen. Es ist auch so nicht einfach, ihm ständig aus dem Weg zu gehen, er ist im Dorf so präsent. Jeder kennt ihn, jeder spricht von ihm. Und doch schweigen sie alle, so wie ich auch. Ich muss fortgehen, fort von hier. Mutter wird mir helfen. Ich ertrage diese vielen Blicke nicht mehr, und schon bald wird man neben dem Schmutz auch noch den dicken Bauch sehen. Wir gehen in die Wildnis, dorthin, wo die Tiere die Nachgeburt fressen. Mutter wird dafür sorgen, dass ich dieses Ding, das aus mir herauskommt, niemals lieben muss. Ich will es nicht. Ich hasse es!

*****

Er hält mir eine Kette hin; der große, rote Stein, der vor meinem Gesicht hin und her schwingt, funkelt in der Sonne und zieht meinen Blick wie magisch an. Der Klunker muss ein Vermögen wert sein! Ich hebe den Kopf, sehe zu dem Mann auf, der vor mir steht. Er trägt feine Kleidung; seine polierten Schuhe glänzen fast so schön, wie der rote Stein. Ein lichter Haarkranz umgibt seine Halbglatze; sie sind zum größten Teil schon grau geworden. Er lächelt mich an; in seinen hellen Augen liegt dieser dunkle, hungrige Blick. Der Mann ist gut genährt und trägt so etwas wie einen gebogenen Degen an seinem Gürtel. Ich kann spüren, wie das Metall seines Eherings über meine Haut gleitet, als er mit seiner dicken Hand über mein Knie streicht. Kühl und glatt. Ich schiebe wie zufällig eine Hand unter meinen Rocksaum, reibe mit dem Daumen über meinen Schenkel, als würde ich mich dort kratzen, gedankenlos, den Blick nun wieder auf den kostbaren Stein geheftet. Ich weiß genau, was der Mann von mir will und ich kann seine Erregung spüren. Sie füllt mich mit einer eigenartigen Macht, fast so als würde ich sie trinken, doch das ändert nichts an dem schmerzhaften Kloß, der sich in meinem Magen zusammengeballt hat. Es wäre so einfach – ich müsste es nur irgendwie hinter mich bringen und die Kette würde mir gehören. Noch nie habe ich etwas so Wertvolles besessen. Ich könnte sie eintauschen, gegen mehr Brot, als ich überhaupt tragen kann, und Körbe voll von diesen wunderbaren süßen Beeren. Mein Herz schlägt schnell, ich spüre, wie die Angst in mir aufsteigt. Was, wenn ich nein sage? Wenn ich mich widersetze? Wird er sich dann nicht trotzdem holen, was er will? Hier ist kein Mensch, weit und breit. Zumindest keiner, der helfen würde oder auch nur etwas sagen. Aber die Kette würde er mir dann nicht geben. Ich weiß, was er von mir will, und dass es wehtun wird. Wahrscheinlich hat er eine Tochter in meinem Alter. „Wie ist dein Name, Mädchen?“, fragt der Mann und zieht die Hand mit der Kette weg, so dass ich wieder nach oben blicken muss, um sie zu sehen. Ich will diese Kette; ich könnte meinen leeren Magen monatelang mit Essen füllen, nur durch diesen einen, funkelnden Stein, der wahrscheinlich wertvoller ist, als ich es mir vorstellen kann. „Nun komm schon … zier dich nicht so.“ Er wird langsam ungeduldig, hört sich jetzt nicht mehr so freundlich an. Meine Chance entgleitet mir. Ich kann es schnell hinter mich bringen. Der Mann streckt die freie Hand nach mir aus und will, dass ich sie ergreife. Ich ziehe verlegen meinen Rocksaum zurecht und stehe auf. Männern wie ihm gefällt die Vorstellung, der Erste zu sein, und auf gewisse Weise ist er das auch. „Jazminka. Jazminka Borilova“, lüge ich nach einer Weile und rolle dabei das R mit meiner Zunge, wie es der Fürst angeblich tut. Ich habe ihn noch nie gesehen. Ich schiebe meine Hand in die Hand des reichen Mannes und gehe mit ihm, wohin er will.

Basmah: Finally coming home

Schon die erste Berührung von ihm riss mich augenblicklich aus der Vergangenheit und dem wirren angstvollen Konstrukt heraus, in das ich mich geflüchtet hatte und beförderte mich sanft aber unnachgiebig sofort zurück ins Hier und Jetzt. Mit einem Mal war die Kälte, die Angst und Unsicherheit wieder dieser alles umfangenden Wärme gewichen; war der Wolf ganz nah und alles andere als ein irres Hirngespinst. Für meine innere Wölfin war die Wahrheit, die hinter dieser Berührung steckte, das Einzige, was zählte. Sie dachte nicht nach, hing nicht in vergangenen Schrecken fest, fühlte weder Selbstverachtung, noch die Schmerzen und die Demütigungen, die schon längst hinter ihr lagen. Die Verbindung zu ihrem Alpha war jetzt greifbar, sie war ein unsichtbares und unwiderrufliches Band, intimer als jedes Wort, jeder Kuss, jede Umarmung. Und beständig. Sie war ein Band, das mehr ihrer und seiner Natur entsprach als es jede Distanz, jeder Zweifel, jede furchtsame Leugnung, die der Verstand mir einzureden versuchte, je sein könnte. Was Clay in mir hervorrief, waren Mut und Stärke, waren Wildheit und Treue, war eine Ergebenheit, die nichts mit Erniedrigung zu tun hatte, sondern mein wahres Wesen auf diese sanfte, unerschütterliche Weise ansprach, wie es nur der Alpha konnte. Er war hartnäckig, wie er mich in seine Arme zog, mich so lange festhielt, bis seine innere Ruhe und Zuversicht mich wie ein wärmender Strom füllte, meine Tränen versiegen und meinen Puls sowie meine Atmung ruhiger werden ließ. Jetzt konnte ich vergessen, für die Dauer langer Momente, Minuten, Stunden; ich wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis er mich zurück zu der Liege trug. Und ich konnte einfach zulassen, was zwischen uns war, ohne es auch nur einen Augenblick lang erneut in Frage zu stellen, ja, sogar ohne zu versuchen, es zu verstehen.

Schließlich war es sein Blick, waren es seine Hände, die mich festhielten, und der unerschütterliche Strom seiner Liebe, der mein Innerstes ausfüllte; mit ihrer puren Intensität jegliche Möglichkeit einer anderen Empfindung als diese aus vollem Herzen zu erwidern, einfach zurück drängte. Und die Wölfin in mir wollte nichts sehnlicher, als geweckt werden, aus dem Gefängnis ihrer menschlichen Gestalt befreit werden; mit ihm an ihrer Seite das Geschehene für immer hinter sich lassen. Mein ganzes Leben lang war mir eingeprügelt worden, dass ich nichts wert war, und doch hatte ich immer wieder einen Weg gefunden, wenigstens mir selbst zu beweisen, dass das nicht stimmte. Ich hatte mich aus meinen Fesseln befreit, auch wenn diese Freiheit immer nur vorübergehend war; hatte hart und still und heimlich darum gekämpft, mir die Lust am Leben zu bewahren. Und es war mir gelungen, entgegen aller Widrigkeiten. Bis zu diesem heutigen Tag. Bis zu dem Punkt, an dem mein Lebenswille eingebrochen war. Clay entfachte ihn, entfachte ihn neu, als er meine Hand auf sein Herz legte. Ich konnte es spüren, deutlicher und kräftiger denn je, wie es für mich schlug. „Ich habe mich nie wie eine von ihnen gefühlt …“, flüsterte ich, als sich meine Finger an seiner Brust zusammen zogen und sich über seinem Herzen in sein Hemd vergruben. „Vielleicht war und bin ich genauso wenig Mensch, wie du es bist, Clay … Die Wölfin war mir immer so viel näher … Sie … sie war es, die mir den Überlebenswillen gab; die Kraft immer weiter zu kämpfen. Ich … ich habe nie dazugehört, und dennoch fühlte ich mich immer mitschuldig für die Taten, für die sie Allahs Namen missbrauchten …“ Plötzlich zitterte ich, runzelte von einem furchtsamen Beben erfasst die Stirn und senkte meine Lider. „Hast du … es gesehen? Ich meine, hast du es … mitangesehen?“ Es verstrichen ein paar bange Momente, in denen ich seiner Antwort harrte. Dann biss ich mir leicht auf die Unterlippe, ließ kurz die Zungenspitze folgen, als ich den Blick hob und ihn vertrauensvoll in seinen legte. „Wird das von jetzt an immer so sein? Werde ich … dich immer in mir spüren?“ Ich erinnerte mich daran, dass er gesagt hatte, er hätte mein Leben an sich gebunden. Das machte mir Angst, vor allem, weil ich die volle Bedeutung dessen noch nicht annähernd verstand. Ich hatte nicht die geringste Ahnung davon, was für ein Wesen da wirklich in ihm wohnte und was dieser Mitternachtsstamm genau war, von dem er sprach. Aber eines wusste ich in diesem Moment mit unerschütterlicher Gewissheit: Dass ich ihm folgen wollte, egal wohin. Ich wollte ihm meine Liebe und meine Hingabe schenken und ihm folgen, weil er das einzige Zuhause war, das ich hatte. Ich wollte fort aus der Welt der Menschen, die mir immer so fremd gewesen war. „Ich will bei dir sein.“ Es war nur ein Hauchen, das über meine Lippen floss, als ich Stirn und Nase an seine lehnte. „Ich will vergessen … und ich will bei dir sein. Auf dieselbe Weise, wie du bei mir bist.“

Jayce: Vogelfänger

Normalerweise hatten Frauen von Jayce nicht mehr zu erwarten als eine einzelne, bedeutungslose Nacht. Er verließ sie meist noch im Morgengrauen, und wenn er sie überhaupt mit nach Hause genommen hatte, dann gab er noch im Hinausgehen Anweisungen, dafür zu sorgen, dass sie verschwunden waren, sobald die Sonne aufging. Das hatte einerseits damit zu tun, dass er keinerlei Interesse daran hatte, das bisschen Zeit, das ihm zwischendurch blieb, in eine hohle Beziehung zu investieren – auch, wenn es so mancher Frau vielleicht gefallen hätte. Die meisten aber waren sowieso nur darauf aus, ihre Trophäensammlung um einen besonders dicken Fang zu erweitern und das schnellstmöglich ihren Freundinnen zu erzählen, was Jayce in weiterer Folge wohl genau jenen einschlägigen Ruf einbrachte, der in der gesamten Damenwelt kursierte. Oft boten sie sich ihm auch schamlos an, um im unpassendsten Augenblick seine Gunst zu gewinnen: Versuchten ihn nach allen Regeln der Kunst dazu zu verführen, hier oder da ein Auge zuzudrücken, ein gutes Wort beim Fürsten einzulegen oder bei der nächsten Ratssitzung haarsträubende Vorschläge einzubringen. Er war nie darauf eingegangen; im Gegenteil, hatte es ihn doch dermaßen angeekelt, wieder einmal zu sehen, welche hässlichen Abgründe in jenen vorgetäuschten Schönheiten lauerten; welche schmutzigen Absichten hinter süß gehauchten Worten steckten. Eine hatte sein Bett sogar in Handschellen verlassen, nachdem sie versucht hatte, Jayce zum Komplizen für einen feigen Anschlag auf die Fürstengattin zu machen – sie hatte nie die Gelegenheit dazu gehabt, ihren nackten, scheinheiligen Körper wieder mit Kleidern zu bedecken.

Es war auch wahrlich nicht so, als hätte er nicht weit mehr als ein oder zweimal in diese Richtung gedacht, seit er Kerike kannte … Ganz besonders dann, wenn sich ihr zarter Körper so unbesonnen, so unverhofft sehnsüchtig an seinen schmiegte, ihr Haar seine Wange kitzelte und ihr eigentümlicher Duft ihn einhüllte. Aber Jayce war niemand, der sich von reinen Trieben steuern ließ. Sein Verstand saß immer noch im Kopf und nicht in der Hose. Und er hatte nicht vor, sich allzu sehr auf sie einzulassen, war eigentlich ohnehin schon ein wenig zu weit gegangen – denn er wusste, dass er sich das nicht leisten konnte. Was er von ihr wollte, war einzig und allein, dass sie in Sicherheit blieb, bis die Lage in der Stadt sich wieder einigermaßen entspannt hatte. Und was auch immer sie behaupten mochte – wenn ihre Sympathie zum Kommandanten sich draußen herum sprach, dann steckte sie in ernsthaften Schwierigkeiten. Zudem waren sie durch den Auftritt des Betrunkenen in der Schenke für seinen Geschmack etwas zu sehr in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten, was Kerike durchaus leicht zu einem begehrten Opfer machen konnte. Wenn Jayce zuließ, dass zwischen ihnen eine wirklich tiefe, emotionale Bindung entstand, dann machte er nicht nur sich selbst, sondern auch sie zur Zielscheibe für seine Feinde. Und das – nun, das hatte sie ganz einfach nicht verdient. Ja, wenn er wirklich anfing, darüber nachzudenken, dann bereute er es jetzt zutiefst, sie nicht von Anfang an einfach ignoriert zu haben. Aber es war unmöglich gewesen. Sie war so …

Er nickte lächelnd, als sie ihn fragend ansah und wartete, bis sie sich von dem Soldaten aus dem Sattel helfen hatte lassen, ehe er selbst abstieg und ihr langsam hinterher kam. Jayce ließ ihr Zeit für die Begeisterung, genoss es, wie die Emotionen ihre Züge zum Leuchten brachten. Ja, sie war wie ein flatternder, singender kleiner Vogel, dem die Flügel zu brechen unmöglich übers Herz zu bringen war. „Zu Befehl“, schmunzelte er, als sich die Tür wie von Zauberhand vor ihnen öffnete und Stefan, der Butler, in weiß behandschuhter Livree ihnen mit einer Verbeugung Platz zum Eintreten machte. „Willkommen, Herr Fergusson!“, begrüßte er Jayce mit ernster Miene, zauberte dann aber sogleich ein Lächeln auf seine Züge, als er sich Kerike zuwandte. „Einen wunderschönen guten Abend, die Dame“, galt ihr sodann sein freundlicher Gruß. „Guten Abend, Stefan“, erwiderte Jayce, während er Kerike ins Innere des Hauses folge und der Butler die Türen hinter ihnen wieder schloss. Sie fanden sich in einer weitläufigen Eingangshalle wieder; der auf Hochglanz polierte Steinboden, der eine ähnlich feine Maserung aufwies wie Marmor, war von roten Läufern durchzogen. Schwere Kerzenluster tauchten den Raum in goldenes Licht und an den Wänden spielte eine Unzahl von Reflexionen, wo auch immer die Flammen von den Bleiglastränen gebrochen wurden, die die Leuchten zierten.

Große Töpfe mit exotischen Pflanzen hauchten der Halle sattgrünes Leben ein und weit vor ihnen tat sich eine ausladende Treppe auf, die sowohl nach oben, als auch nach unten führte. Rechts und links befanden sich großzügige Korridore, durch die man weiter ins Innere des Hauses gelangte. „Nun … zum einen mit Stefan – er kümmert sich um alle Annehmlichkeiten und versteht zudem auch recht viel davon, das Haus handwerklich in Schuss zu halten.“ Jayce vefügte, gemessen an der Größe des Hauses, nur über einen kleinen Grundstock an Bediensteten, denn dadurch, dass er so gut wie nie zuhause war, fiel auch entsprechend selten mehr als das Nötigste an Arbeit an. „Und dann …“ Seine weiteren Worte erübrigten sich, oder gingen genau genommen schlicht unter, als eine rundliche, beschürzte ältere Frau mit pausbäckigem Gesicht und vom Leben geröteten Wangen die Kellertreppe heraufkam. Ihr pechschwarzes Haar hatte sie zu einem dicken Knoten auf dem Hinterkopf gebunden, der jedoch nie streng genug war, um die feinen Strähnen zurückzuhalten, die sich immer wieder lösten und ihr ins Gesicht fielen. Stahlblaue Augen leuchteten ihnen entgegen. „Miester Färgasson!„, rief sie erfreut aus und stellte einen Korb mit Kartoffeln eilig am Boden ab, ehe sie mit weit ausgebreiteten Armen auf Jayce und Kerike zukam, so, als wolle sie sie beide gleichzeitig in eine überschwängliche Umarmung schließen. „Wielkomen, wielkomen! Und cherzliches Wielkomen auch die entzieckende junge Dame!“ Jayce warf Kerike einen kurzen Blick zu und zwinkerte. In Anwesenheit von Ljudmila gelang es selbst ihm so gut wie nie, sich nicht von guter Laune anstecken zu lassen. Sie war eine typische russische Mamuschka, wie sie im Buche stand. Sie umarmte Jayce zwar dann doch nicht, sondern schenkte ihm nur ein breites Lächeln, ergriff aber sogleich Kerikes Hand mit ihren beiden schwieligen, runzeligen Händen und strahlte sie geradezu an, während ihr Blick einen verschwörerischen Zug annahm. „Chabe ich glieckliche Gefiehl gehabt in meine Bauch, Miester Färgasson wierd cheute Abend wieder kommen zurieck! Bin iech cheute gegangen und friesche Pielze gekauft, fier Waldgeschmack bei zarte Flaisch von große Kanienchen! Chat immer Chunger wenn kommt mit Be…“ Sie blinzelte, als sie bemerkte, dass sie wieder einmal schneller gesprochen als gedacht hatte und zog grinsend die Augenbrauen hoch, Kerikes Hand immer noch festhaltend. „Chast du sicher auch Chunger, klaine Dame, siehst du so knochelich aus wie chättest du lange nicht bekomen Flaisch zwischen chiebsche Zähnchen.“

„Kerike, wenn ich dir Ljudmila vorstellen darf – sie ist die gute Seele dieses Hauses und zudem bestimmt die aller-allerbeste Köchin der ganzen Stadt. Wann immer du etwas brauchst, wende dich an sie, denn in ihr stecken noch viel mehr Qualitäten, die man auf den ersten Blick gar nicht erwarten würde.“ Er grinste Ljudmila flüchtig an, als teilten die beiden ein paar Geheimnisse miteinander und wandte sich dann wieder Kerike zu. Ljudmila kümmerte sich um den gesamten Haushalt und pflegte hinter dem Haus einen beachtlichen Kräuter- und Gemüsegarten. Ihr Wissen, was vor allem auch die einheimischen Pflanzen betraf, war umfassend genug, um Jayce‘ Arbeit mit dem einen oder anderen Mittelchen gezielt unterstützen zu können. Zudem verstand sie sich auch ein wenig auf die Kräuterheilkunde – und natürlich die unverwechselbaren Aromen, die sie mit deren Hilfe ihren Speisen entlocken konnte. „Kümmere dich gut um sie, Ljudmila – Kerike wird für eine Weile unser Gast sein. Sie soll sich wie zuhause fühlen.“

Ethan: Geliebter Feind

In diesem Moment verachtete ich ihn. Ich verachtete Noah dafür, dass er meinem Schlag nicht auswich, obwohl ich ganz genau wusste, dass er es locker gekonnt hätte. Und am meisten Verachtung empfand ich dafür, dass er ihn einfach hinnahm, ohne ein Wort, und ohne auch nur Anstalten zu machen, sich zur Wehr zu setzen. Nein, das hier war nicht der Noah, den ich kannte. Ich konnte sehen, riechen, fühlen, wie er innerlich kurz vor der Explosion stand und sich trotzdem zurückhielt, und ich konnte nicht anders, als ihn dafür zu verachten. Zumindest … bis zu dem Moment, den ich nun ganz und gar nicht kommen sah, so wutsprühend wie ich ihm all meine Verachtung in Worten entgegen spuckte. Er sprang mich an wie ein entfesselter Berserker; ich hatte keine Chance, überhaupt zu reagieren oder auch nur überrascht zu sein, donnerte unter seinem brachialen Angriff mit Schwung auf den vereisten, von einer dünnen Schneeschicht bedeckten Boden, dass zu allen Seiten gefrorene Eiskristalle aufstoben. Bevor ich wusste, wie mir geschah, schlug seine Faust so dicht neben meinem Gesicht ein, dass ich den Luftzug wie einen Messerschnitt an meiner Wange spüren konnte.

Mir blieb für einen Moment die Luft weg, weshalb ich mich weder regen, noch dem irren Lachen nachgeben konnte, das mir plötzlich in die Kehle stieg. Heilige Scheiße … Ich hatte mich schon so daran gewöhnt, die Dinge mit meinen Fäusten zu klären, dass es fast eine Erleichterung war. Sollte er doch zuschlagen, sollte er mir doch Gründe liefern, zurückzuschlagen, denn das war verdammt nochmal etwas, womit ich bestens umgehen konnte! Ganz im Gegensatz zu den um Welten härteren Schlägen, die er jetzt mit Worten austeilte. Das … das war etwas, womit ich überhaupt nicht klar kam; das war etwas, was wirklich wehtat und was ich nicht einfach mit meinem Körper und zusammengebissenen Zähnen abfangen konnte. Und ich verstand … Mit einem Mal verstand ich jede einzelne Silbe, jedes Funkeln von Wut in Noahs Augen, jedes mühsam unterdrückte Beben von Schmerz in seiner Stimme. Hätte er mit einem Messer in meinen Eingeweiden gewühlt, es hätte nicht vernichtender sein können. Ich war mir so … so verflucht sicher gewesen, dass ich bereit war, bereit, jetzt endlich hinzusehen, mir das Leid anzusehen, das ich verschuldete, nachdem ich mehr als ein halbes Jahrhundert lang die Augen davor verschlossen hatte. Aber ich war es nicht; wäre vermutlich niemals bereit dafür gewesen. Wir beide wussten, wie Recht er mit dem hatte, was er mir an den Kopf warf – und wir beide wussten, dass die Wut, die er damit immer noch mehr in mir schürte, in Wahrheit mir selbst galt.

Basmahs Traum I

Ich träumte …

Ich träumte, wie ich allein in weiter Ferne stand; sah auf mich herab, wie ich witternd den Kopf hob, die Ohren gegen den Wind drehte, lauschend, aufmerksam. Da war nichts, kein Hauch von Leben außer mir in jener unendlichen Weite; bis zum Horizont hin nur Sand und Hitze, Hitze und Sand. Wie eine heiße, sengende Lohe leckte eine um die andere Bö wild an mir, riss an meinem Fell, durchwühlte und verwirbelte es, peitschte mir die Wüste wie beißende Gischt ins Gesicht. Doch ich stand aufrecht, aufrecht und allein, trotzte dem wütenden, lebensfeindlichen Ansturm, die Pfoten tief im heißen Untergrund vergraben. Immer tiefer sank ich ein, doch mein Herz, meine Sinne waren wach und auf einen Punkt weit außerhalb der Szenerie fokussiert, wartend, regungslos, voller ungebrochener Zuversicht. Und dann schälte sich sein Umriss aus der flirrenden Hitze; langsam, unbeirrt in seiner ganzen kraftvollen und stolzen Eleganz kam er auf mich zu. Ich blickte ihm entgegen, senkte den Kopf erst, als er mich erreichte, seine Schnauze sich liebkosend in das Fell an meiner Schulter vergrub. Und schloss demütig die Augen.