Jayce: Für sie alle!

Kaum einer kannte die unterirdischen Tunnel und Gänge in und um Elysias so gut, wie der ehemalige Kommandant dieser Stadt. Und auch, wenn sich viel verändert hatte, seit Jayce vor über einem halben Jahr fortgegangen war, so waren diese doch geblieben – wenn nicht sogar noch weiter ausgebaut worden. Anders wäre es ihm wohl kaum gelungen, unbehelligt bis an die Stadtmauern heranzukommen und sich schließlich mit Simmons‘ Hilfe durch einen Seiteneingang Zugang zu verschaffen. Henry Simmons, diese treue Seele! Nicht nur dieses eine Mal wäre Jayce ohne seinen Freund und Landsmann wohl rettungslos verloren gewesen. Als Anführer von Jayce‘ persönlicher … nun, nennen wir es einmal ‚Leibwache‘, hatte Simmons schon immer enge Kontakte zur Stadtwache gepflegt und von Zeit zu Zeit auch die eine oder andere Einheit seiner Männer zur Unterstützung abgestellt, vor allem dann, wenn die Stadtwache nicht unbedingt unter eigenem Namen operieren wollte … Mehr musste man wohl nicht wissen, um zu verstehen, dass es ein Leichtes für Simmons war, unter anderem hier und da einmal Personen oder auch Dinge nach Elysias ein- oder auszuschleusen. Schon bei Kerike war er es gewesen, der inmitten gefährlichster Unruhen dafür gesorgt hatte, dass sie die Stadt unbeschadet hatte verlassen können. Hätte er es doch lieber nicht getan …

Doch das lag heute weit zurück und Jayce wusste sehr genau, dass er nicht Simmons die Schuld für Kerikes Verschwinden in die Schuhe schieben konnte. Genauso wenig, wie für die Ereignisse danach. Wie lange brauchte ein Mann Zeit für sich allein, um mit all diesen Dingen fertigzuwerden, um Antworten zu finden, die ihm wenigstens zum Weiterleben reichten? Wie lange brauchte ein Mann, um sich selbst zu vergeben; sich mit seiner Schuld zumindest soweit zu arrangieren, dass sie ihm nicht in jedem einzelnen Augenblick seines Lebens die Luft zum Atmen abschnürte? Wie lange brauchte ein Mann, um trotz des erdrückenden Gewichts der Gewissheit, des Unwiderruflichen, wieder aufrecht stehen zu können? Monat um Monat war ins Land gezogen, während Jayce verbissen und verzweifelt auf der Suche gewesen war, auf der Suche nach dem einzigen, kleinen Stückchen Wahrheit und unbedarfter Liebe in seinem Leben, welches ihm auf solch dramatische Weise abhanden gekommen war. Er selbst hatte alles zerstört, was je wirklich von Bedeutung gewesen war; nachdem er Kerike vertrieben und seinen Freund Abbas getötet hatte, von der Dämonin hämisch für all das verlacht, war seine ganz persönliche Niederlage besiegelt gewesen. Jayce war immer ein Mann mit Prinzipien gewesen; ein Mann mit einer harten Schale, loyal bis in den Tod. Um keinen Preis hätte er Elysias je im Stich lassen wollen, schon gar nicht auf jene Weise, wie es letztendlich doch geschehen war. Aber Kerike hatte den Panzer des Kommandanten aufgebrochen, sie hatte sein Herz freigelegt. Und all die Geschehnisse hatten ihm vor Augen geführt, dass er am Ende doch nur ein Mensch war. Schwach, verletzlich, schuldig. Und voller Zweifel.

Es war vermutlich nicht die beste Idee gewesen, nach Elysias zurückzukehren. Ganz besonders nicht nach allem, was er in den letzten Monaten gelernt und erfahren hatte. Jayce wusste, er setzte sein Leben aufs Spiel. Er brauchte sich nichts vorzumachen; dass Simmons immer noch zu ihm hielt, war reines Glück, und dafür war er mehr als nur dankbar, doch selbiges konnte er von sonst niemandem mehr erwarten. Allein in seiner eigenen Villa war er immer noch willkommen; Ljudmilas Wangen hatten vor Schreck und Freude zugleich wie reife Kirschen geleuchtet, als er nach Hause gekommen war. Sie hatte eine Schüssel mit dampfender Suppe fallen lassen und Jayce mit einem halb erstickten „Miester Färgasson!“ in ihre kräftigen Arme gezogen, dass ihm kurz die Luft weggeblieben war. Selbst der Butler Stefan tat immer noch unbeirrt seinen Dienst und auf seiner sonst so unbeweglichen Miene hatte sich gar ein Lächeln abgezeichnet, als er seinen Dienstherrn nach all der Zeit wieder begrüßen durfte. Simmons hatte sich während Jayce‘ Abwesenheit wirklich um alles gekümmert; selbst die von Vandalen eingeworfenen Fenster hatte er reparieren lassen, und es war beinah, als wäre er nie weggewesen.

Also hatte er sich ein paar Tage lang in seiner Villa aufgehalten; selbst den Garten betrat er eigentlich nur noch nachts, um nicht gesehen zu werden. Doch allen war klar, dass das nicht ewig so weitergehen konnte. So schön es auch war, von Ljudmilas Kochkünsten verwöhnt und durch ihre Herzlichkeit bemuttert zu werden, so schön auch all die Annehmlichkeiten waren, auf die er so viele Monate hatte verzichten müssen, das alles war nicht der Grund, weshalb Jayce zurück gekommen war. Geschützt hinter verhangenen Fenstern und von seinen Wachen, die auf dem gesamten Anwesen patrouillierten, konnte er sich vielleicht eine Weile vormachen, dass alles gut war – doch die Stille im Haus erinnerte ihn mehr als alles andere daran, dass das Ende der Geschichte noch lange nicht geschrieben war. Er hatte zu viel gesehen, zu viel erlebt auf seiner langen Suche nach Kerike, als dass er dieses Schweigen noch länger dulden konnte. Aus Jayce Fergusson war ein anderer Mann geworden; einer, der die Missstände nun wirklich kannte, der sie am eigenen Leib erfahren hatte und dessen Herz so viele hundert Male gebrochen war, dass er irgendwann beschlossen hatte, wieder aufzustehen und zu kämpfen. Mehr als jemals zuvor, für Kerike, für Abbas. Für sie alle.

Laura J.: Der Feind in mir

Laura schnaubte und funkelte ihn ärgerlich an. „Du hast gut reden. Erschaffe dir eine Welt – klar doch! Mir scheint, du hast genauso wenig Ahnung von Menschen, wie wir von Magiern! Für uns ist das alles nicht so leicht wie du es hinstellst! Wir stecken in unseren Körpern fest, wir haben Bedürfnisse, wir haben Gefühle. Und wir sind von fester Materie umgeben, die wir nicht einfach mal eben durchdringen oder umformen können, wenn es uns einfällt. Uns fehlt nun einmal etwas Wesentliches, das uns vom Fluss abschneidet. Das hat nichts mit der obersten Existenz zu tun, sondern einfach nur mit Realismus! Mit deiner Magie hast du ein Werkzeug, zu erschaffen, ich aber nicht. Ja, gut, ich kann diese mordlüsterne Bestie, die bei Vollmond die Kontrolle über mich übernimmt, vielleicht irgendwann auch einmal mit anderen Augen sehen, wenn ich dazu gezwungen bin, und das bin ich ja offensichtlich, weil du mir wieder einmal nicht helfen willst! Und um genau zu sein: Dann muss ich sie irgendwann einmal aus einer neuen Perspektive sehen, denn anders kann ich nicht mit ihr leben! Du hast den Hass nicht gefühlt, der in diesem Wesen wohnt, du hast nicht jedes anderen Lebewesen panisch davon laufen sehen, wann immer diese strahlenden Vollmondaugen es gestreift haben. Dieser Wolf hat meine ganze Existenz auf den Kopf gestellt! Er stellt alles in Frage, was mir jemals etwas bedeutet hat! Er macht mich zum Gegenteil dessen, was ich sein will, was ich immer sein wollte! Ja, ich habe viel durchgestanden, aber jetzt frage ich mich, wofür? Mein ganzes verdammtes Leben scheint plötzlich nur noch eine Lüge zu sein! Erst recht, seit ich dich kenne! Und mach mir nicht weis, dass du das verstehst, Magier! Es gibt da nämlich eine Sache, die dir fehlt: Begrenzung. Ebenso, wie mir diese eine Sache fehlt, um sie zu überwinden – Magie.“

Sie seufzte und zog die Schultern hoch, als sie einen Blick auf die Ameise warf. „Natürlich hast du recht, wenn man die Relationen zueinander sieht, aber das macht doch nur den großen Unterschied deutlicher. Ich kann der Ameise auch nicht Tipps geben, ihr Ameisenleben mit meinen Menschenaugen zu sehen und durch meine Menschenfähigkeiten ihre Probleme zu lösen.“ Dann erwiderte sie seinen Blick ein paar Atemzüge lang, ohne weiterzusprechen. „Ich werde schon gejagt, weil ich manchmal nachts durch die Straßen irre und mich hinterher nicht mehr daran erinnern kann. Denkst du wirklich, das alles einfach hinzunehmen, ist für mich eine Lösung? Oder auch nur eine Motivation, mich mit der Bestie in mir anzufreunden?“, sagte sie schließlich ruhiger. Auch wenn sie es mit keinem Wort zugab, stimmte das, was er gesagt hatte, sie doch nachdenklich. „Weißt du … vermutlich habe ich nur deshalb zugestimmt, als deine Chosen One in einen so irrwitzigen Kampf zu gehen, weil ich ohnehin lebensmüde bin. Am Ende hat es somit wenigstens irgend einen Sinn gemacht.“ Laura riss den Blick von ihm los und legte die Karten auf den Tisch. „Und jetzt bring mir ein paar Tricks bei!“

Jazminka: Totgeburt

Er sieht zu mir herüber. Immer wieder sieht er mich an und es gefällt mir, wie ich seine Aufmerksamkeit auf mich lenken kann. Er ist unkonzentriert, hört dem Mann kaum zu, der gerade mit ihm spricht. Ich halte seinem Blick einen Moment lang stand, dann schlage ich die Augen nieder. Ich weiß, dass er mich noch immer ansieht, ich kann es fühlen. Ich schiebe die Beine ein wenig auseinander, bis mein Rock sich über den Oberschenkeln spannt und falte die Hände in meinem Schoß. Meine Füße trommeln sacht gegen ein Bein des Tisches, auf dem ich sitze. Er geht dicht an mir vorbei und gibt vor, keinerlei Notiz von mir zu nehmen. Aber ich weiß es besser. Er interessiert sich im Moment für keine der anderen und außer ihm interessiert sich niemand für mich. Ich lege den Kopf in den Nacken, drücke den Oberkörper durch und löse das Band aus meinem Haar. Langsam fasse ich es wieder zusammen, bändige die dunklen Strähnen zu einem neuen Zopf. Plötzlich kommt er direkt auf mich zu. Ich sehe ihn an, warte, bis sich unsere Blicke wieder treffen. Er sieht ärgerlich aus, fast so, als wollte er mich jetzt schlagen. Mein Magen zieht sich zusammen, mein Herz rast vom Adrenalin. Ich bin süchtig nach diesem Spiel, es ist aufregender als alles andere, was ich kenne. Heute spiele ich es nicht zum ersten Mal; es ist wie ein kleines Geheimnis zwischen uns beiden, zwischen mir und ihm. Aber ich habe noch nie so lange gewartet wie heute, ehe ich geflüchtet bin. Kurz bevor er mich erreicht, springe ich auf und laufe lachend zu meinen Freundinnen. Ich kann seinen Blick im Rücken spüren, als er mir nachsieht. Und noch etwas anderes, etwas, von dem mir die anderen Mädchen nichts gesagt haben. Es ist wie ein Prickeln im Nacken; ich kann seine Erregung fast körperlich spüren, wenn er mir so nah kommt. Sie füllt mich mit einer sonderbaren Kraft, so als würden Funken zwischen meinen Fingerspitzen tanzen.

*****

Tiefe Schatten liegen zwischen den Bäumen; ich kann kaum noch die Hand vor Augen sehen, aber ich fürchte mich nicht. Es ist eine kleine Mutprobe, mit der die Jungs uns Mädchen am Rande des Dorffestes aufziehen wollen. Der kleine Korb baumelt locker in meiner Hand, ich springe leichtfüßig den schmalen Pfad entlang, den ich auch ohne das Tageslicht gut genug kenne, um mich nicht zu verlaufen. Unweit vor mir glüht etwas Kleines still in der Dunkelheit auf und als ich den Atem anhalte, kann ich das leise Surren des Flügelschlags hören. Ich muss nur eines dieser Sommer-Irrlichter einfangen, dann habe ich den Test bestanden und es den Jungs endgültig gezeigt. Aus der Ferne höre ich Gelächter herüber schwappen, es ist schon spät in der Nacht und die meisten Dorfbewohner sind betrunken. Plötzlich vernehme ich Schritte hinter mir; kleine Kiesel knirschen unter schwerem Gang. Ich gehe schneller, tiefer in den Wald hinein und das kleine Irrlicht erlischt erschrocken, als ich in dessen Nähe komme. Die Schritte nähern sich, auch sie sind schneller geworden. Ich höre meinen eigenen Herzschlag trommeln. Ich habe nun doch Angst. Aber dann bleibe ich stehen, drehe mich ganz plötzlich um, rechne damit, dass einer der Jungs sich einen Scherz mit mir erlaubt, um mir die Aufgabe zu erschweren. Ich werd’s ihm zeigen! Aber es ist keiner meiner Freunde; der weitaus ältere Mann, dem ich mich gegenüber finde, hat diese hungrigen Augen. Ich kenne sie, und auch diesmal erwidere ich seinen Blick, fast ein wenig erleichtert, ein bekanntes Gesicht zu sehen. Aber jetzt fühlt es sich vollkommen anders an. Er kommt näher, schwankt dabei. Er scheint betrunken zu sein. Ich senke den Blick und weiche ihm aus, will an ihm vorbei, zurück ins Dorf. Ich will ihn heute lieber nicht reizen, er sieht so schon ziemlich gefährlich aus, wie ein Raubtier auf der Jagd. Immer noch spricht keiner von uns ein Wort. Fast bin ich an ihm vorbei, da packt er mich an der Taille. Ich lasse den Korb fallen, versuche mich seinem Griff zu entziehen. Sein Atem riecht nach billigem Schnaps, ich kann ihn keuchen hören. Meine Kehle ist wie zugeschnürt; ich bringe keinen Ton hervor, und als ich endlich schreien will, hat er mich längst zu Boden geworfen und presst mir seine Hand auf den Mund, dass mir die Luft wegbleibt. Stunden später ergießt sich die aufgehende Sonne über meine nackte Haut. Heißes Blut benetzt meine Schenkel und ein wütender Schmerz tobt in meinem Unterleib. Mein Kleid ist zerrissen, das Haarband verloren, die Fingernägel abgebrochen und die Kehle wund. Ich möchte nichts mehr fühlen, nie wieder.

*****

Sechs Monate später kann ich die Wölbung meines Bauches kaum noch verbergen. Ich trage die weiten Kleider meiner Mutter; sie weiß es und hilft mir. Aber ich spreche nicht mit ihr darüber, nenne ihr nicht den Namen des Mannes, der Vater dieses Kindes ist. Ich spreche mit niemandem darüber und habe mir geschworen, es nie zu tun. Immer noch schrubbe ich mir jeden Morgen und Abend den Dreck von der Haut, bis sie rot und aufgerieben ist. Ich fühle mich so beschmutzt, und diese vielen Blicke, die mich verfolgen, ich kann mich nicht vor ihnen verstecken. Ich weiß, dass sie es wissen, jeder kann den Dreck sehen, der an mir klebt. Warum sonst sollten sie mich so anstarren? Sie wissen es, aber sie schweigen, so wie ich auch. Ich hasse dieses Ding, das in meinem Bauch heranwächst. Vor ein paar Wochen wollte ich es loswerden, mit einem Stein habe ich auf es eingeschlagen und gehofft, dass sein Herz stehenbleibt. Es soll tot sein, wenn es geboren wird. Ich weiß, dass es seine Augen hat, und ich will sie niemals wieder sehen. Es ist auch so nicht einfach, ihm ständig aus dem Weg zu gehen, er ist im Dorf so präsent. Jeder kennt ihn, jeder spricht von ihm. Und doch schweigen sie alle, so wie ich auch. Ich muss fortgehen, fort von hier. Mutter wird mir helfen. Ich ertrage diese vielen Blicke nicht mehr, und schon bald wird man neben dem Schmutz auch noch den dicken Bauch sehen. Wir gehen in die Wildnis, dorthin, wo die Tiere die Nachgeburt fressen. Mutter wird dafür sorgen, dass ich dieses Ding, das aus mir herauskommt, niemals lieben muss. Ich will es nicht. Ich hasse es!

*****

Er hält mir eine Kette hin; der große, rote Stein, der vor meinem Gesicht hin und her schwingt, funkelt in der Sonne und zieht meinen Blick wie magisch an. Der Klunker muss ein Vermögen wert sein! Ich hebe den Kopf, sehe zu dem Mann auf, der vor mir steht. Er trägt feine Kleidung; seine polierten Schuhe glänzen fast so schön, wie der rote Stein. Ein lichter Haarkranz umgibt seine Halbglatze; sie sind zum größten Teil schon grau geworden. Er lächelt mich an; in seinen hellen Augen liegt dieser dunkle, hungrige Blick. Der Mann ist gut genährt und trägt so etwas wie einen gebogenen Degen an seinem Gürtel. Ich kann spüren, wie das Metall seines Eherings über meine Haut gleitet, als er mit seiner dicken Hand über mein Knie streicht. Kühl und glatt. Ich schiebe wie zufällig eine Hand unter meinen Rocksaum, reibe mit dem Daumen über meinen Schenkel, als würde ich mich dort kratzen, gedankenlos, den Blick nun wieder auf den kostbaren Stein geheftet. Ich weiß genau, was der Mann von mir will und ich kann seine Erregung spüren. Sie füllt mich mit einer eigenartigen Macht, fast so als würde ich sie trinken, doch das ändert nichts an dem schmerzhaften Kloß, der sich in meinem Magen zusammengeballt hat. Es wäre so einfach – ich müsste es nur irgendwie hinter mich bringen und die Kette würde mir gehören. Noch nie habe ich etwas so Wertvolles besessen. Ich könnte sie eintauschen, gegen mehr Brot, als ich überhaupt tragen kann, und Körbe voll von diesen wunderbaren süßen Beeren. Mein Herz schlägt schnell, ich spüre, wie die Angst in mir aufsteigt. Was, wenn ich nein sage? Wenn ich mich widersetze? Wird er sich dann nicht trotzdem holen, was er will? Hier ist kein Mensch, weit und breit. Zumindest keiner, der helfen würde oder auch nur etwas sagen. Aber die Kette würde er mir dann nicht geben. Ich weiß, was er von mir will, und dass es wehtun wird. Wahrscheinlich hat er eine Tochter in meinem Alter. „Wie ist dein Name, Mädchen?“, fragt der Mann und zieht die Hand mit der Kette weg, so dass ich wieder nach oben blicken muss, um sie zu sehen. Ich will diese Kette; ich könnte meinen leeren Magen monatelang mit Essen füllen, nur durch diesen einen, funkelnden Stein, der wahrscheinlich wertvoller ist, als ich es mir vorstellen kann. „Nun komm schon … zier dich nicht so.“ Er wird langsam ungeduldig, hört sich jetzt nicht mehr so freundlich an. Meine Chance entgleitet mir. Ich kann es schnell hinter mich bringen. Der Mann streckt die freie Hand nach mir aus und will, dass ich sie ergreife. Ich ziehe verlegen meinen Rocksaum zurecht und stehe auf. Männern wie ihm gefällt die Vorstellung, der Erste zu sein, und auf gewisse Weise ist er das auch. „Jazminka. Jazminka Borilova“, lüge ich nach einer Weile und rolle dabei das R mit meiner Zunge, wie es der Fürst angeblich tut. Ich habe ihn noch nie gesehen. Ich schiebe meine Hand in die Hand des reichen Mannes und gehe mit ihm, wohin er will.

Jayce: Vogelfänger

Normalerweise hatten Frauen von Jayce nicht mehr zu erwarten als eine einzelne, bedeutungslose Nacht. Er verließ sie meist noch im Morgengrauen, und wenn er sie überhaupt mit nach Hause genommen hatte, dann gab er noch im Hinausgehen Anweisungen, dafür zu sorgen, dass sie verschwunden waren, sobald die Sonne aufging. Das hatte einerseits damit zu tun, dass er keinerlei Interesse daran hatte, das bisschen Zeit, das ihm zwischendurch blieb, in eine hohle Beziehung zu investieren – auch, wenn es so mancher Frau vielleicht gefallen hätte. Die meisten aber waren sowieso nur darauf aus, ihre Trophäensammlung um einen besonders dicken Fang zu erweitern und das schnellstmöglich ihren Freundinnen zu erzählen, was Jayce in weiterer Folge wohl genau jenen einschlägigen Ruf einbrachte, der in der gesamten Damenwelt kursierte. Oft boten sie sich ihm auch schamlos an, um im unpassendsten Augenblick seine Gunst zu gewinnen: Versuchten ihn nach allen Regeln der Kunst dazu zu verführen, hier oder da ein Auge zuzudrücken, ein gutes Wort beim Fürsten einzulegen oder bei der nächsten Ratssitzung haarsträubende Vorschläge einzubringen. Er war nie darauf eingegangen; im Gegenteil, hatte es ihn doch dermaßen angeekelt, wieder einmal zu sehen, welche hässlichen Abgründe in jenen vorgetäuschten Schönheiten lauerten; welche schmutzigen Absichten hinter süß gehauchten Worten steckten. Eine hatte sein Bett sogar in Handschellen verlassen, nachdem sie versucht hatte, Jayce zum Komplizen für einen feigen Anschlag auf die Fürstengattin zu machen – sie hatte nie die Gelegenheit dazu gehabt, ihren nackten, scheinheiligen Körper wieder mit Kleidern zu bedecken.

Es war auch wahrlich nicht so, als hätte er nicht weit mehr als ein oder zweimal in diese Richtung gedacht, seit er Kerike kannte … Ganz besonders dann, wenn sich ihr zarter Körper so unbesonnen, so unverhofft sehnsüchtig an seinen schmiegte, ihr Haar seine Wange kitzelte und ihr eigentümlicher Duft ihn einhüllte. Aber Jayce war niemand, der sich von reinen Trieben steuern ließ. Sein Verstand saß immer noch im Kopf und nicht in der Hose. Und er hatte nicht vor, sich allzu sehr auf sie einzulassen, war eigentlich ohnehin schon ein wenig zu weit gegangen – denn er wusste, dass er sich das nicht leisten konnte. Was er von ihr wollte, war einzig und allein, dass sie in Sicherheit blieb, bis die Lage in der Stadt sich wieder einigermaßen entspannt hatte. Und was auch immer sie behaupten mochte – wenn ihre Sympathie zum Kommandanten sich draußen herum sprach, dann steckte sie in ernsthaften Schwierigkeiten. Zudem waren sie durch den Auftritt des Betrunkenen in der Schenke für seinen Geschmack etwas zu sehr in den Fokus der Aufmerksamkeit geraten, was Kerike durchaus leicht zu einem begehrten Opfer machen konnte. Wenn Jayce zuließ, dass zwischen ihnen eine wirklich tiefe, emotionale Bindung entstand, dann machte er nicht nur sich selbst, sondern auch sie zur Zielscheibe für seine Feinde. Und das – nun, das hatte sie ganz einfach nicht verdient. Ja, wenn er wirklich anfing, darüber nachzudenken, dann bereute er es jetzt zutiefst, sie nicht von Anfang an einfach ignoriert zu haben. Aber es war unmöglich gewesen. Sie war so …

Er nickte lächelnd, als sie ihn fragend ansah und wartete, bis sie sich von dem Soldaten aus dem Sattel helfen hatte lassen, ehe er selbst abstieg und ihr langsam hinterher kam. Jayce ließ ihr Zeit für die Begeisterung, genoss es, wie die Emotionen ihre Züge zum Leuchten brachten. Ja, sie war wie ein flatternder, singender kleiner Vogel, dem die Flügel zu brechen unmöglich übers Herz zu bringen war. „Zu Befehl“, schmunzelte er, als sich die Tür wie von Zauberhand vor ihnen öffnete und Stefan, der Butler, in weiß behandschuhter Livree ihnen mit einer Verbeugung Platz zum Eintreten machte. „Willkommen, Herr Fergusson!“, begrüßte er Jayce mit ernster Miene, zauberte dann aber sogleich ein Lächeln auf seine Züge, als er sich Kerike zuwandte. „Einen wunderschönen guten Abend, die Dame“, galt ihr sodann sein freundlicher Gruß. „Guten Abend, Stefan“, erwiderte Jayce, während er Kerike ins Innere des Hauses folge und der Butler die Türen hinter ihnen wieder schloss. Sie fanden sich in einer weitläufigen Eingangshalle wieder; der auf Hochglanz polierte Steinboden, der eine ähnlich feine Maserung aufwies wie Marmor, war von roten Läufern durchzogen. Schwere Kerzenluster tauchten den Raum in goldenes Licht und an den Wänden spielte eine Unzahl von Reflexionen, wo auch immer die Flammen von den Bleiglastränen gebrochen wurden, die die Leuchten zierten.

Große Töpfe mit exotischen Pflanzen hauchten der Halle sattgrünes Leben ein und weit vor ihnen tat sich eine ausladende Treppe auf, die sowohl nach oben, als auch nach unten führte. Rechts und links befanden sich großzügige Korridore, durch die man weiter ins Innere des Hauses gelangte. „Nun … zum einen mit Stefan – er kümmert sich um alle Annehmlichkeiten und versteht zudem auch recht viel davon, das Haus handwerklich in Schuss zu halten.“ Jayce vefügte, gemessen an der Größe des Hauses, nur über einen kleinen Grundstock an Bediensteten, denn dadurch, dass er so gut wie nie zuhause war, fiel auch entsprechend selten mehr als das Nötigste an Arbeit an. „Und dann …“ Seine weiteren Worte erübrigten sich, oder gingen genau genommen schlicht unter, als eine rundliche, beschürzte ältere Frau mit pausbäckigem Gesicht und vom Leben geröteten Wangen die Kellertreppe heraufkam. Ihr pechschwarzes Haar hatte sie zu einem dicken Knoten auf dem Hinterkopf gebunden, der jedoch nie streng genug war, um die feinen Strähnen zurückzuhalten, die sich immer wieder lösten und ihr ins Gesicht fielen. Stahlblaue Augen leuchteten ihnen entgegen. „Miester Färgasson!„, rief sie erfreut aus und stellte einen Korb mit Kartoffeln eilig am Boden ab, ehe sie mit weit ausgebreiteten Armen auf Jayce und Kerike zukam, so, als wolle sie sie beide gleichzeitig in eine überschwängliche Umarmung schließen. „Wielkomen, wielkomen! Und cherzliches Wielkomen auch die entzieckende junge Dame!“ Jayce warf Kerike einen kurzen Blick zu und zwinkerte. In Anwesenheit von Ljudmila gelang es selbst ihm so gut wie nie, sich nicht von guter Laune anstecken zu lassen. Sie war eine typische russische Mamuschka, wie sie im Buche stand. Sie umarmte Jayce zwar dann doch nicht, sondern schenkte ihm nur ein breites Lächeln, ergriff aber sogleich Kerikes Hand mit ihren beiden schwieligen, runzeligen Händen und strahlte sie geradezu an, während ihr Blick einen verschwörerischen Zug annahm. „Chabe ich glieckliche Gefiehl gehabt in meine Bauch, Miester Färgasson wierd cheute Abend wieder kommen zurieck! Bin iech cheute gegangen und friesche Pielze gekauft, fier Waldgeschmack bei zarte Flaisch von große Kanienchen! Chat immer Chunger wenn kommt mit Be…“ Sie blinzelte, als sie bemerkte, dass sie wieder einmal schneller gesprochen als gedacht hatte und zog grinsend die Augenbrauen hoch, Kerikes Hand immer noch festhaltend. „Chast du sicher auch Chunger, klaine Dame, siehst du so knochelich aus wie chättest du lange nicht bekomen Flaisch zwischen chiebsche Zähnchen.“

„Kerike, wenn ich dir Ljudmila vorstellen darf – sie ist die gute Seele dieses Hauses und zudem bestimmt die aller-allerbeste Köchin der ganzen Stadt. Wann immer du etwas brauchst, wende dich an sie, denn in ihr stecken noch viel mehr Qualitäten, die man auf den ersten Blick gar nicht erwarten würde.“ Er grinste Ljudmila flüchtig an, als teilten die beiden ein paar Geheimnisse miteinander und wandte sich dann wieder Kerike zu. Ljudmila kümmerte sich um den gesamten Haushalt und pflegte hinter dem Haus einen beachtlichen Kräuter- und Gemüsegarten. Ihr Wissen, was vor allem auch die einheimischen Pflanzen betraf, war umfassend genug, um Jayce‘ Arbeit mit dem einen oder anderen Mittelchen gezielt unterstützen zu können. Zudem verstand sie sich auch ein wenig auf die Kräuterheilkunde – und natürlich die unverwechselbaren Aromen, die sie mit deren Hilfe ihren Speisen entlocken konnte. „Kümmere dich gut um sie, Ljudmila – Kerike wird für eine Weile unser Gast sein. Sie soll sich wie zuhause fühlen.“