Ethan & Tamsyn: Lüge!

Die Kopfschmerzen setzten wie das Amen im Gebet ein, ich blieb am Waldrand zurück, presste zwei Finger gegen die hämmernde Stirn. Scheiße! Nur langsam dämmerte mir, was ich da eigentlich gerade zu hören bekommen hatte – diese Frau war eine eiskalte Mörderin! Und ich … hatte natürlich nichts besseres zu tun, als sie zu trösten, ja, ihr sogar meine Hilfe bei weiß Gott was anzubieten. Jetzt hing ich mitten in der Scheiße mit drin, drauf und dran, mich zum Mittäter zu machen.  Und das alles nur, weil ich Frauen nicht weinen sehen konnte. Noahs unerwarteter Auftritt musste mir gehörig den Verstand vernebelt haben!

Ich blickte auf, als Tamys Stimme vom Haus her erklang. Diese Nacht? Diese eine Nacht? Verdammt, diese eine Stunde mit ihr war schon zu viel gewesen, ich … Eigentlich wollte ich das alles gar nicht wissen! Ich verfluchte mich innerlich für das, was ich angefangen hatte und jetzt würde ich einiges darum geben, ich hätte es nicht getan. Sie gehörte ganz eindeutig hinter Gitter, nicht hierher … Warum zum Teufel war sie überhaupt noch auf freiem Fuß? Selbst aus der Ferne konnte ich das leuchtende Türkisblau ihrer Augen erkennen, das vom Weinen gerötete, so bezaubernd schöne Gesicht. Mein Gott … Sah so eine Frau aus, die ihren Gefährten kaltblütig ermordet hatte? Und war ich wirklich so bescheuert, allein dieses Anblicks und des herzerweichenden Flehens in ihrer Stimme wegen darüber nachzudenken, ein sehr viel stärkeres Echo zu riskieren? Einmal ganz davon abgesehen, dass ich mich gerade selbst schon wie ein verdammter Verbrecher fühlte, nur weil ich jetzt wusste, was ich wusste.

Scheiße nochmal, das hier war eindeutig zu heiß für mich. Ich musste die Finger davon lassen! „Diese eine Nacht“, hörte ich mich sagen, als ich mich mit wummerndem Schädel in Bewegung setzte, um ihr ins Haus zu folgen. „Und nur diese eine.“ Denn morgen würde ich persönlich dafür sorgen, dass sie sich für das, was sie getan hatte, stellte.

*****

Mehr brauche ich nicht, dachte ich in dem Moment, als Ethan mir antwortete und ins Haus folgte.

Nur diese eine Nacht …  Lüge! Ich belog mich selbst in dem ich mir einzureden versuchte, diese eine Nacht würde reichen. Das würde es nicht. Niemals wieder würde eine Nacht reichen.

Ich ahnte nichts von seinen Gefühlen und Gedanken. Verschwendete keine Sekunde daran, dass es  zu viel für ihn sein könnte. ICH zu viel für ihn sein könnte. Vielleicht war ich egoistisch, aber …  hatte ich nicht auch ein Recht darauf einmal zur Ruhe zu kommen? Nur ein einziges Mal noch, bevor die Vergangenheit mich im Hier und Jetzt einholte? Wusste irgendjemand, wie es sich anfühlte, die Flut näher kommen zu sehen?  Unfähig sich zu bewegen; zu wissen, dass man gleich ertrinken würde. Jeden Moment ertrinken würde … Ich! Die Frau, die ihr ganzes Leben für das Wohl anderer gekämpft, die den hippokratischen Eid geleistet und nie etwas mehr in ihrem Leben angestrebt hatte, als Gerechtigkeit. ICH habe meinen Gefährten erschossen. „NEIN … es war … ein Unfall!“, rief ich meinen Gedanken laut aus, ohne mir dessen bewusst zu sein und stützte mich schwer atmend an der Hauswand ab. Kalter Schweiß trat auf meine Stirn, während mein Atem nur noch stoßweise ging. Es war wieder mal so weit. Meine Dämonen hatten mich eingeholt. Wie jede Nacht. Immer zur gleichen Zeit. Die Sicht verschwamm vor meinen Augen. Alles, was ich jetzt noch erkennen konnte, war das Gesicht meines Gefährten. Seine vor Überraschung und Schmerz geweiteten Augen. Dieser Blick … Niemals werde ich diesen letzten Blick wieder aus meinen Erinnerungen verbannen können. „Es … war ein Unfall …“, versuchte ich mir selbst einzureden. „Ein … Unfall!“, stammelte ich und rutschte langsam an der Wand nach unten. Auf dem Boden kniend, grub ich meine Finger fest in den gefrorenen Untergrund. Versuchte mich zu erden. Halt zu finden. „Hilf mir … bitte … Mach, dass es aufhört!“, flehte ich Ethan an. „Nur diese eine Nacht. Versprochen.“

Lüge…,  flüsterte die Stimme in meinem Kopf …

Lüge…  Du bist eine Lügnerin … Eine Verräterin …  Eine Mörderin …

[Textabschnitt (c) Nicol Stolze @ Tamsyn Matthew]

*****

Wenigstens hatte ich doch noch recht schnell gerafft, dass das Ganze hier eindeutig eine Nummer zu groß für mich war. Und genau deshalb würde ich mich schön sauber wieder aus der Affäre ziehen … spätestens bei Sonnenaufgang. Das einzig Richtige tun. Wenn Sie glaubte, ich würde einfach die Klappe halten; dass sie mich zum Komplizen machen konnte, dann hatte sich die Kleine ganz schön geschnitten, soviel war klar! Ja, vielleicht hätte sie mir diese ganze Sache nicht unbedingt erzählt, hätte ich nicht auf meine gedankenlos charmante Art ein bisschen nachgeholfen. Aber sollte ich deshalb nun etwa ein schlechtes Gewissen haben? Wie zum Henker hatte ich denn ahnen können, WAS da hinter der makellos schönen Fassade steckte, hinter diesen Augen …

Ein Unfall … Mein Gott, ich wurde die gedankliche Vorstellung in meinem Kopf nicht mehr los – sie hatte eiskalt auf ihn angelegt, hatte abgedrückt, wieder und wieder und wieder …  Meine Schritte beschleunigten sich von selbst, als ich sie verzweifelt an der Hausmauer zusammensinken sah. Ich konnte mir das einfach nicht mit ansehen! Vielleicht war doch etwas Wahres dran, vielleicht …  Zum Teufel, ich wollte ihr diese eine Nacht geben. Was war auch schon eine einzelne Nacht? Gar nichts. Und wenn es ihr diese paar Stunden lang Erleichterung verschaffte, dann war es doch irgendwie auch eine gute Tat, oder? Lüge …, flüsterte etwas in meinen Gedanken, das ich schnell wieder verdrängte, während ich mich zu ihr hinunter beugte, sie sanft hoch und schließlich auf meine Arme zog. Lügner. Warm drückte ich das zitternde Bündel an meine Brust, als ich sie ins Haus zurück trug.

Sean: So finster die Nacht …

Ich hielt mich schon den ganzen Abend im Hintergrund und war darauf bedacht, Cath möglichst viel Freiraum zu lassen. Wenn sie etwas brauchte, musste sie mich nur fragen und ansonsten verhielt ich mich schweigsam; saß auf einem Stuhl in einer unbeleuchteten Ecke, blätterte in der aktuellen Ausgabe des Forbes Magazine, eine schwere Beretta griffbereit im Brustholster und warf ab und zu einen Blick auf die sich schlaflos hin und her wälzende Frau im Bett neben mir. Die Tatsache, dass ich mich auf Kalebs Anweisung hin die ganze Zeit in ihrem privaten Wohnbereich aufhielt, um stets in ihrer Nähe zu sein, sollte möglichst nicht zu einer zusätzlichen Belastung für sie werden. Ich sah ihr nur zu deutlich an, wie sehr die Schwangerschaft an ihr zehrte; die dunkler werdenden Augenringe, der müde Blick und die fahle Farbe ihrer Haut sprachen in letzter Zeit für sich. Es schmerzte mich, sie so zu sehen – und nicht nur einmal hatte ich mich gefragt, ob ihr Körper zwei so dermaßen beschleunigte Schwangerschaften innerhalb kurzer Zeit überhaupt verkraften konnte.

Mein Blick folgte ihr besorgt, als sie schließlich aus dem Bett glitt und unruhig durch den Raum ging; das aufgeschlagene Heft auf meinem Schoß war vorübergehend vergessen. Doch Cath war eine ausgesprochen starke Frau, die bisher alle Herausforderungen gemeistert hatte. Es würde nicht mehr lange dauern, dann hätte sie auch die Geburt von Kalebs Sohn überstanden und konnte wieder zu Kräften kommen. Sogar jetzt, in diesem geschwächten und hochschwangeren Zustand, war sie wunderschön; ich konnte mir nicht vorstellen, dass es eine zweite Frau auf dieser Welt gab, die ihren Kugelbauch auch nur annähernd so anmutig vor sich her trug wie sie. Wie so oft ruhte mein Blick auf ihrer schmalen Silhouette, als sie reglos und mit dem Rücken zu mir am Fenster stand, sanft beschienen von den vielfältigen Lichtern der Nacht, die draußen über Boston lag. Dort, wo ihre warme Hand das Fenster berührte, beschlug es leicht und zeichnete so die Konturen ihrer viel zu knochigen Finger auf das Glas. Ich konnte ihre wachsende Anspannung beinah fühlen; nahezu greifbar schwebte sie in der nächtlichen Stille des Schlafzimmers. Und da war noch mehr; so vieles, was ich mit meinen vampirischen Sinnen wahrnahm, wenn ich es nur zuließ. Ihr schwacher, würziger Duft, der aufgewühlte Herzschlag; Atemzug um Atemzug, jeder davon fast ein wenig mühsam. „Wenn du hier bist … wer achtet dann da draußen auf meinen Gefährten, Sean …“, durchbrach Caths Stimme das Schweigen, und ich runzelte besorgt die Stirn.

Bereits seit Tagen versuchte ich, möglichst viel Gelassenheit auszustrahlen; ihr keinen auch nur geringen Anlass zur Sorge zu geben. Sie war hochschwanger und völlig erschöpft; jede Aufregung wäre pures Gift für sie und das ungeborene Kind. Aber das änderte alles nichts daran, dass ich ihr insgeheim zustimmen musste. Ich wusste, dass Kaleb im Augenblick an etwas sehr Großem dran war, etwas das, wenn heute Nacht alles gut ging, dem Orden einen ersten schweren Schlag mitten in die Weichteile versetzen würde. Wir hatten schließlich lange genug darauf hingearbeitet. Und dass ich hier war, anstatt mit ihm dort draußen zu sein; dass ich seine Gefährtin bewachte, hier, in einem Gebäude, das mit der ausgeklügeltsten Sicherheitstechnik in weitem Umkreis ausgestattet und somit jedem Hochsicherheitsgefängnis weit überlegen war, grenzte gewissermaßen an Paranoia. Und doch … An Kalebs Stelle hätte ich vermutlich auch nicht anders gehandelt. Ich erhob mich, legte die Zeitschrift beiseite und trat zu Cath. Meine Hand legte sich warm auf ihre Schulter und ich begegnete dem Blick ihres Spiegelbilds in der weitläufigen Glasfläche vor uns. „Mach dir keine Sorgen, Cath. Er hat seine besten Männer dabei, und er weiß sehr genau, was er tut.“

Ich trat zwei Schritte zurück, als sie sich zu mir umwandte; begegnete ihr mit einem zuversichtlichen Lächeln. Mein Gott, aus der Nähe erkannte ich erst, wie müde sie wirklich war. Kaleb sollte besser schon recht bald wieder zurück sein; sie brauchte sein Blut genauso sehr wie seine Anwesenheit, damit sie endlich für ein Weilchen zur Ruhe kam. Ich presste die Lippen aufeinander, während meine Aufmerksamkeit über die aschfahlen Züge der Frau vor mir glitt. Es war nicht das erste Mal, dass ich mir inständig wünschte, ihr beides geben zu können. „Was hat er dir gesagt, wo er heute Nacht ist?“ – Ich wich ihrem Blick aus, als sie näher kam und schüttelte langsam den Kopf. „Bitte, Cath, tu dir das nicht an.“ Doch sie ließ nicht locker. Natürlich wusste ich, wo er war – und ich wusste auch ganz genau, was er vorhatte. Vor allen Dingen aber war mir klar, mit wem er sich anlegte, und genau das war es, was meine sorgsam zur Schau gestellte Gelassenheit Lügen strafte. Ich sollte bei ihm sein. Aber gleichzeitig wollte ich auch nichts so sehr, wie hier bei Cath zu sein. Jemand musste schließlich auf sie achten, auch wenn es unwahrscheinlich war, dass sie hier im Tower in Gefahr geriet. Aber genauso gut konnte sie plötzlich die Wehen bekommen oder es konnte etwas mit dem Kind sein – oder aber sie brach endgültig unter der Erschöpfung zusammen, die sie so grausam zeichnete. Jemand musste sie auffangen, und dieser Jemand würde ich sein, solange Kaleb nicht in der Nähe war. „Er ist auf einer … etwas heiklen Mission“, antwortete ich ausweichend, aber so weit es ging, wahrheitsgemäß. Genauso wenig, wie ich mein Versprechen Kaleb gegenüber brechen wollte, wollte ich Cath ins Gesicht lügen müssen. „Aber wie gesagt, du musst dich nicht sorgen. Es ist alles von langer Hand geplant und vorbereitet. Er wird sich nicht mehr als unbedingt nötig in Gefahr begeben, schon allein, weil er weiß, dass du und sein ungeborenes Kind hier auf ihn wartet. Du kennst ihn doch – Kaleb überlässt nie irgendwas dem Zufall.“

Vermutlich redete ich mit diesen Worten eher mir selbst ein, dass es keinen Grund zur Beunruhigung gab, aber hier und jetzt war einfach auch überhaupt kein Platz dafür, meine eigene innere Unrast nach außen dringen zu lassen. Alles, was Cath brauchte, war Ruhe und ein sicheres, stabiles Umfeld. Ich legte behutsam eine Hand zwischen ihre Schulterblätter, um sie mit sanfter Bestimmtheit zurück zum Bett zu führen. „Komm, Cath … setz dich doch wenigstens. Du siehst müde aus. Und hör auf, dich mit solchen Gedanken zu quälen. Kaleb ist doch bisher immer zu dir zurückgekehrt, warum sollte es ausgerechnet heute anders sein?“